Besuch in Wolsztyn / Polen mit seinen Dampflokomotiven und seinem Bahnbetriebswerk

Jost Kruse    Ursprünglich geplant im Anschluss eines Besuches bei der Waldeisenbahn Muskau im Oktober vorletzten Jahres, besuchten meine Frau und ich vom 07.10. bis zum 14.10.2007 für eine Woche die Kreisstadt Wolsztyn (Wollstein) in Polen. Der Eisenbahnfreund und -interessierte wird es wissen, hier werden noch im Regelspurbetrieb täglich zwei bis drei Dampflokomotiven eingesetzt. Nach dort unterwegs waren wir mit dem Auto, welches uns vor Ort zum Fotografieren und Filmen mehr Möglichkeiten ließ.
Im Mai des Jahres 2006 war ich allein für fünf Tage vor Ort und mit dem Zug von meiner Heimatstadt Neustadt/Rübenberge dorthin gefahren. So hatte ich dann, da ohne Kraftfahrzeug, einige Kilometer zu Fuß an den Strecken verbracht. Die Fahrt über Berlin und dann weiter mit dem Eurocity über Frankfurt/Oder und Rzepin (Reppen) sowie über Zbasynek (Neu Bentschen) ging aber relativ schnell und bequem, eine Autofahrt ist zeitlich kaum schneller möglich. Seit dem Fahrplanwechsel vom 09.12.2007 halten zwei der fünf Eurocities "Berlin-Warszawa-Expreß" auch in Zbasynek (Neu Bentschen). So kann der Reisende einen Umsteiger sparen und sich am dortigen Bahnhof einen umfangreichen Eisenbahnverkehr ansehen. Allgemein sei noch bemerkt, daß in meinem Artikel die genannten Eigennamen zuerst in der heutigen polnischen Schreibweise erscheinen und dann in Klammern der frühere deutsche Name steht.
Die Kreisstadt Wolsztyn liegt im Westen der Wojewodschaft Wielkopolska (Großpolen) direkt an den beiden Seen Jezioro Wolstynskie (Wollsteiner See) und dem größeren Jezioro Berzynskie (Berzaner See). Sie hat ungefähr 14.000 Einwohner. In der Stadt befinden sich einige sehenswerte Bauten, ebenso viele kleine Einzelhandelsgeschäfte, in denen die Einwohner und auch die Besucher alle Dinge des täglichen Lebens kaufen können. Das gesamte Umland ist stark landwirtschaftlich geprägt, die Stadt selber hat aber außer Handel und Dienstleistungsfirmen auch einige Industrie zu bieten, so u. a. eine Fabrik zur Herstellung von Verpackungen und eine zur Fertigung von Küchenmöbeln.
Es sei noch erwähnt, daß der deutsche Mediziner und spätere Nobelpreisträger Robert Koch hier in jungen Jahren von 1872 bis 1880 als Kreisphysikus angestellt war und hier auch mit seinen Forschungen begann. In seinem Wohnhaus ist heute ein sehenswertes kleines Museum untergebracht, auch trägt die Straße seinen Namen.
Bis 1920 lag Wolsztyn in der Provinz Posen im damaligen deutschen Kaiserreich. Anschließend kam das Gebiet zum wiedergegründeten Staat Polen, die neue Grenze zum ehemaligen deutschen Reich verlief nur ein paar Kilometer westlich der Stadt. Der heutige Eisenbahnknotenpunkt Zbasynek (Neu Bentschen) lag dann schon auf deutschem Gebiet. 1945 ging auch diese Ära unwiderruflich zu Ende. So findet man an den Strecken dort noch sehr viel alte preußische Eisenbahnarchitektur, sei es der Lokschuppen in Wolsztyn, der Wasserturm, die Bahnhöfe in Tloki (Lockdorf), Rakoniewice (Rackwitz) und in Rostarzewo (Rothenburg). Das ganze "angereichert" mit Formsignalen, Spannwerken, handbe-dienten Schranken, Telegrafenmasten. Der Wolsztyner Bahnhof ist allerdings nicht mehr aus jenen Tagen, er wurde im zweiten Weltkrieg schwer zerstört und nach seinem Abbruch durch einen zweckmäßigen Neubau ersetzt. So hatten meine Frau und ich, der ich einen einen leichten Hang zur Nostalgie auf und an der Schiene habe, ein reichhaltiges Motivangebot.
Die Eisenbahn selber erreichte die Stadt im Jahre 1886, es war die Königlich Preußische Eisenbahn-verwaltung (KPEV) welche die Kreisstadt mit dem heutigen Zbasyn (Bentschen) verband. Zehn Jahre später erreichte die Strecke Leszno (Lissa), an der Hauptstrecke Wroclaw (Breslau) - Poznan (Posen) gelegen. 1898 wurde der Abzweig nach Grodzisk (Grätz) und weiter nach Poznan eröffnet. Ebenso kam im gleichen Jahr noch die Strecke nach Sulechow (Züllichau) hinzu. Die letzte Bahnstrecke nach Nowa Sol (Neusalz) wurde 1908 eröffnet. Nun konnte man aus fünf verschiedenen Richtungen in den Wolsztyner Bahnhof einfahren.
Gleichzeitig erweiterte sich auch immer mehr die Infrastruktur. Das heutige Bahnbetriebswerk wurde 1907 errichtet und in den Jahrzehnten seines Bestehens wurde auch der Ringlokschuppen auf inzwischen acht Stände erweitert. Auch der Wasserturm stammt aus jenem Jahr, heute mit einem Fassungsvermögen von 100 m³, gespeist aus dem nahegelegenen Berzaner See.
Es entstanden die kompletten Lokomotivbehandlungsanlagen und das Verwaltungsgebäude. Auch wurde in Laufe des Bestehens des Betriebswerkes die Drehscheibe von ursprünglich 16 m Durch-messer, welcher für preußische Tenderlokomotiven ausreichend war, im Jahre 1949 auf zuerst 20 m und dann noch einmal im Jahre 2002 auf 20,5 m erweitert.
Betrieben wird es heutzutage vom Bereich Cargo der Polskie Koleje Panstwowe, der PKP. Im täglichen Einsatz befinden sich zwei bis drei Dampflokomotiven, welche zwei Zugpaare nach Poznan und eins nach Leszno befördern. So galt dann im Oktober letzten Jahres unser erster Besuch dem Bahnbetriebswerk und seinen Maschinen. Vom Hotel aus war dies in einer knappen Viertelstunde zu Fuß gut zu erreichen. Am Ein-gang löst man beim "Dyspozytor" eine Eintrittskarte, welche dann für den ganzen Tag Gültigkeit hat.
Die Preise sind sehr moderat, 10 Zloty für den Eintritt mit Foto- und Filmgenehmigung und 2 Zloty für die normale Karte. Rundgerechnet entspricht ein Euro zirka vier Zloties. Danach kann man sich in Ruhe umsehen - man sollte die allgemeine Sicherheit in einer solchen Anlage aber nicht außer Acht lassen - und nach Belieben fotografieren oder filmen. Im Erdgeschoss des Verwaltungsgebäudes befindet sich ebenfalls ein sehenswertes kleines Museum mit vielen eisenbahntypischen Sammlerstücken, auch viele von ihnen noch aus deutscher Zeit. Gleichfalls ist ein sehr schönes Diorama mit Motiven aus der Anfangszeit des Betriebswerkes dort zu sehen. Dies wurde vom Leiter des Betriebswerkes errichtet und hat auch schon diverse Preise in Polen gewonnen. Im Anschluss daran setzt man sich am besten einfach auf eine der Bänke auf dem Gelände und lässt das Geschehen an sich vorüber ziehen. Dies ist ein angenehmer und ruhiger Kontrast zu den Tagen der Dampflokparade, welche am ersten Samstag im Mai stattfindet. Dann ist das Gelände von Hunderten von Besuchern bevölkert. Ich selber habe diese Parade inzwischen auch schon dreimal mit dem Lausitzer Dampflokclub von Cottbus aus besucht. Ein schönes Erlebnis, wenn alle Maschinen an den Besuchern vorbeifahren.
Zum hundertjährigen Bestehen des Betriebswerkes im letzten Jahr reisten zusätzlich zu den Sonder-zügen aus Cottbus und Berlin auch zwei weitere aus Tschechien und einer aus Ungarn an.


Foto (Jost Kruse): Teilansicht des Ringlokschuppens in Wolsztyn, anlässlich einer Dampflokparade stecken die stationierten Dampfloks ihre "Nase" aus den geöffneten Toren.

Die nächsten drei Tage verbrachten wir mit Besichtigungen der näheren Umgebung und der umliegenden Wolstzyner Gemeinde, unterbrochen von Film- und Fotostopps entlang der beiden Strecken nach Poznan und Leszno. Es sei hier noch erwähnt, daß die Strecke nach Nowa Sol zur Zeit gesperrt ist und auf der Strecke nach Sulechow vor einigen Jahren der Personenverkehr eingestellt wurde. Hier ist aber noch gelegentlicher Güterverkehr zu verzeichnen. Zum Glück zeigte sich der Oktober auch von seiner schönen Seite und es ließen sich viele Aufnahmen in klarer, herbstlicher Umgebung machen.
Am Mittwoch, dem 10.10.2007, ging es dann mit dem P 4439 und der Ol 49-7 als Zuglok von Wolsztyn nach Poznan. Hier wollten wir der Partnerstadt Hannovers einen Besuch abstatten. So ging es dann unter Dampf durch eine schöne, leicht hügelige und bewaldete Landschaft nach "Poznan Glowny" (Posen Hbf.), vom Hauptbahnhof dann per Straßenbahn in die Altstadt und zur Dominsel. Die Altstadt mit ihren schönen wiederaufgebauten Häusern, der Marktplatz nebst Rathaus und auch die Dominsel beim Fluss Warta (Warthe) sind sehenswert. Auch trifft man in der Stadt auf einige ehemalige ausgemusterte hannoversche Straßenbahnen, welche nach der politischen Wende als Geschenk dorthin kamen. Am Abend ging es dann mit der letzten Verbindung des Tages per Triebwagen zurück nach Wolsztyn. Unsere restlichen drei Tage gestalteten sich ähnlich der vorangegangenen, es folgte noch ein Ausflug per Auto nach Zielona Gora (Grünberg). Die kleinen und größeren Ortschaften der Umgebung waren uns inzwischen schon vertraut.
Am Sonntag, dem 14.10.2007, ging es dann wieder zurück nach Hause. Alles in allem kann man sagen, daß es eine schöne Woche war. Der Wettergott war uns ebenfalls hold und bot uns viele schöne Motive. Meine Frau und ich werden bestimmt wiederkommen. Auch sei jedem Eisenbahnfreund ein Besuch dort empfohlen.


Foto (Jost Kruse): Der Personenzug P 4440 im Oktober 2007 mit der Lok Ol 49-7 in Adamowo.

An dieser Stelle sei noch etwas Allgemeines gesagt:
Die Bevölkerung ist freundlich und dem Besucher aufgeschlossen. Spricht man selber einige Worte polnisch, wirkt dies doppelt.
Das Bahnfahren in Polen ist durchaus angenehm und erschwinglich. Die Fahrpreise sind um einiges günstiger als in Deutschland, allerdings sind viele Verbindungen auf Nebenbahnen täglich nicht so häufig wie hierzulande.
Fahrpläne zum Mitnehmen gibt es in Polen nicht, hier greift man am besten zu Papier und Bleistift und notiert die Zeiten.
Die Ankunfts- oder Abfahrtstafeln sind wie in Deutschland auch auf weißem oder gelbem Hintergrund. Aber, dort angegeben wird nicht das Gleis (tory), sondern der Bahnsteig (peron)!! Hier sollte man sich an den Zugzielanzeigern oder den Zuglaufschildern am Zug orientieren. Manchmal stehen auch zwei Züge im Gleis, das durchweg freundliche Personal der PKP hilft aber auch weiter.
Unter der Internetadresse parowozy.com.pl erfährt der Leser alles Wissenswerte über das Betriebswerk, die Lokomotiven und ihre technischen Daten sowie auch tagesaktuelle Neuigkeiten. Diese Seite gehört auch schon länger zu meinen Favoriten und ich wünsche allen viel Spaß beim Lesen.


Foto (Jost Kruse): Mit ein wenig Planung kann man rund um Wolsztyn mehrere dampfbespannte Züge am Tag fotografieren, hier - ebenfalls im Oktober 2007 - der Personenzug P 4442 mit der Lok Pml 36-2 am Haltepunkt Tloki. Auch das "Umfeld" passt noch zum Dampfbetrieb. Entlang der Gleise findet man noch viele Gebäude aus der Zeit vor dem II. Weltkrieg sowie die Freileitung mit Telegrafenmasten. Nur an wenigen Stellen hat "moderne" Architektur Einzug gehalten.




Weiter

Inhalt