Schnee ohne Ende ...

Volker Baake    Welch ein Winter, ich kenne das nur vom Hörensagen. Im letzten Jahr, dachte ich schon, das war ein Winter, was die Schneehöhen betrifft. Daß diese aber übertroffen werden konnten, daran habe ich allerdings nie gezweifelt - man braucht bloß mal "alte" Leute zu fragen ...
Alle reden von der globalen Erwärmung, aber Klima und Wetter, das sind zwei Dinge, habe ich mal in einer Fernseh-Dokumentation gesehen. Nicht geahnte Windgeschwindigkeiten und deren Häufungen, Temperaturextreme nach oben und unten, Niederschläge, die kein Flußlauf verkraftet - daran sollten wir uns gewöhnen, glaubt man den Klimaexperten. Der Winter 2005/06 brachte die zweitgrößte Schneehöhe seit Beginn der Messungen im Jahre 1895. 2,95 Meter Schnee, laut Internet, lagen auf dem Brocken.
Nehmen wir mal den 11. Februar 2006. Schneepflug, Dienstbeginn 05.18 Uhr, stand auf dem Dienst-plan. Einen Tag zuvor hatte die Schneepflugbesatzung schon einmal den Kampf gegen die Schneekristalle verloren. Nun war ich an der Reihe. Es war einer der letzten Einsätze mit der alten Technik. Die Fräse blieb in Schierke Gleis 3 stehen, nur mit dem Schneepflug bewaffnet, sagten wir Frau Holle den Kampf an. Das ging auch problemlos bis zu der Wand von gestern, welche sich in etwa an der Weiche am Bahnhof Goetheweg vor uns aufbaute. Die ersten zaghaften Versuche brachten nichts, mit Kraft allein war kein Durchkommen, die 1200 PS waren am Ende. Nun dann, mit Schwung, was der "gebrannten Pflugbesatzung" nicht so gefiel, sie haben da so ihre Erfahrungen ...
Mit einem Dauerton aus dem Typhon brachen wir mit Schrittgeschwindigkeit das Weiß auf. Dauerton deshalb, weil Touristen vor uns mit der Kamera standen und "das" Bild machen wollten.
Etwa dort, wo früher der Holzturm stand, hatte ich mit voller Leistung sagenhafte 20 km/h auf dem Tacho, Tendenz steigend. Vor dem Überweg Brockenstraße dann "Halt". Man hatte berechtigte Angst, daß die Spurrillen vereist waren.



Foto (Uwe Koch): Im Winter kann man mit etwas Schwung mit Ski problemlos auf das Dach des Brockenbahnhofes fahren - Schneeverwehungen bis 3 m Höhe sind absolut normal, auch 5 m wurden schon gemessen.

Aber dieser Halt sollte etwas länger dauern. Es ging dann nicht mehr vor und nicht zurück. Es war, als ob die Lok gegen Eisen fährt. Ok, wir stehen im Dreck, aber wo? Lok ausgraben, Achse für Achse, Gottseidank, die steht drauf ... Noch mal, nichts, mit Gewalt geht nicht, dann kam der Rollerschutz. Der 2-Wege-Bagger begann, den Pflug von der Straße auszugraben. Trotzdem, nicht vor oder zurück. Pflug abhängen, die Lok war eigentlich frei, nichts. Dann jede Achse peinlich ausgegraben und das Eis entfernen. Vor, gegen den Berg kein Zentimeter, einen Meter zurück, das ging, wieder vor an den Pflug, nichts zu wollen. Jetzt zurück, bis die Lok frei war, das war gut und gern bis kurz vor Goetheweg. Viele Leute im Eiskanal, die Brockenbahn fährt ja nicht, ging es durch die Medien. Also mußte ich mir mit dem Typhon regelrecht Respekt verschaffen und wenn es geht, noch entschuldigen, daß ich hier langfahren muß.
Für mich waren die Olympischen Winterspiele eröffnet - Fahren im Eiskanal ...
Nachdem Pflug und Lok wieder vereint waren, holten wir die Fräse und arbeiteten uns am Nachmittag bis zum Harzburger Weg vor. Am nächsten Tag sollte die "Neue" ihre Probefahrt haben, und das wurde dann auch gleich die "Schneetaufe".
Auf der Talfahrt brachte das Typhon noch etliche Unbelehrbare aus dem Eiskanal und ich war eigentlich froh, Schierke erreicht zu haben, ohne Rettungshubschraubereinsatz oder die Bergwacht. Wenn ich so zurück denke - erst wirft Papa das Kind aus dem Eiskanal, dann die Mutti, den Hund, den Schlitten und dann muß auch der Papa erkennen, daß er nicht Reinhold Messner heißt - sprich, er muß zusehen, wo er bleibt - die Lok ist nun schon 10 m vor ihm, er bis zum Bauch im Schnee, aber nicht weit genug weg von der Gefahr! Die Eisenbahn hat mit dem Ausweichen eben so ihre Probleme, aber es klappt - die "Fuhre" kommt zum Stehen. Nun sollte man denken - Gefahr erkannt! - Nein, wenn der Zug durch ist, gehen Mann und Frau wieder im Gleis ...




Foto (Uwe Koch): Hat hier irgendjemand irgendwo ein Gleis gesehen?? Im Stand wird erst mal die "Lage" erkundet. Unter solchen Bedingungen kann der Schneepflug schon mal entgleisen, einmal drückte der Schnee die Frontfenster ein - innerhalb von Sekunden war der Schneepflug halb "geflutet". Wenn "mit Schwung" in eine Schneewehe gefahren wird, werden die Männer im Pflug deshalb ein wenig unruhig - sie haben schon einiges erlebt!





Weiter

Inhalt