Die Osterwieck-Wasserlebener Eisenbahn

Dieter Draheim    Es ist 21 Uhr. Am 14.12.2002 wurde der Schienenverkehr auf der Strecke Heudeber-Danstedt - Osterwieck eingestellt. Dies ist nicht nur ein Ergebnis der jüngeren "Eisenbahn-Politik", sondern die Gründe für das Sterben dieser Strecke liegen nunmehr fast 60 Jahre zurück in der nach dem II. Weltkrieg vollzogenen Teilung Deutschlands. An vielen Stellen wurden damals Verkehrswege durch organisch gewachsene Wirtschaftsräume gekappt, die Wiederbelebung über 40 Jahre danach übernahm meistens der Straßenverkehr ...
Noch heute erkennt man an der Anlage der Bahnhöfe Heudeber-Danstedt und Wasserleben, dass hier früher eine zweigleisige Hauptbahn verlief. Die Hauptstrecke Halle - Hildesheim führte über Halberstadt, Heudeber, Wasserleben, Vienenburg, in etwa parallel verlief die Nebenstrecke Heudeber-Danstedt - Wernigerode - Ilsenburg - Stapelburg - Bad Harzburg. Nach dem Krieg wurden beide Strecken an der "Zonengrenze" unterbrochen, auf jeder Seite der Trennlinie des nunmehr geteilten Deutschlands existierten somit zwei Stichbahnen. Nach der Wiedervereinigung wurde eine "Querverbindung" zwischen Stapelburg und Vienenburg neu geschaffen und so nur Teile der früher existierenden Strecken einer neuen Bedeutung zugeführt.
Um die Fallstein-Stadt Osterwieck an das Bahnnetz anzuschließen, wurde ab 1881 als Nebenbahn die Osterwieck-Wasserlebener Eisenbahn (OWE) gebaut, die später bis Hornburg verlängert wurde. Auch diese Strecke wurde kurz nach dem II. Weltkrieg unterbrochen, es gab ein östliches Teilstück (nunmehr 2002 stillgelegt) und ein westliches Teilstück (schon Ende der 70er Jahre stillgelegt).
Eine inzwischen 30 Jahre alte Beschreibung des Bahnhofes Hornburg (mit einigen Ergänzungen) soll eine kleine Erinnerung an die längst vergessene und verschwundene Eisenbahnstrecke der OWE sein.

Quelle: "Bahnhöfe nordwestdeutscher Kleinbahnen" - Kleinbahnbücher
Verlag Wolfgang Zeunert, Gifhorn, 1976, Autor Gerd Wolff


Einer der interessantesten Bahnhöfe unserer Zeit auf dem Gebiet der BRD mag der Bahnhof Hornburg der Osterwieck-Wasserlebener Eisenbahn sein. Ganz sicher hat der Bahnhof einst gute und stolze Zeiten erlebt, noch Mitte der 60er Jahre verkehrten zehn bis zwölf Zugpaare täglich zwischen Hornburg und Börssum.
Heute (1973) ist der Verkehr jedoch verschwindend gering. Ganze 3000 t werden noch auf der Schiene abgefahren. Der Anschluß Zuckerfabrik wurde 1966 stillgelegt, der Personenverkehr wurde noch weitergeführt, aber 1971 fuhren nur noch einige wenige Alibitriebwagen bzw. -züge.
Der Bahnhof Hornburg war Gemeinschaftsbahnhof der Osterwieck-Wasserlebener Eisenbahn und der Hornburg-Börssumer Eisenbahn. Seit Kriegsende und durch die Zonengrenze ist er Endbahnhof des Restbetriebes der OWE (ca. 5 km Streckenlänge).

Bahnhöfe im Grenzgebiet zur DDR genießen offenbar besondere Vorrechte, jedenfalls ist in Hornburg kein Meter Gleis abgebaut, kein Bahnsteig entfernt, nichts an dem großen Bahnhofs- und Verwaltungsgebäude geändert, geschweige denn verpachtet worden. Selbst die Schranke an der Ausfahrt Richtung Hoppenstedt und Bühne-Rimbeck (DDR) ist noch intakt.
So präsentiert sich der Bahnhof Hornburg heute noch in seiner ursprünglichen Größe, mit umfangreichen Gleisanlagen, einem großen stattlichen Bahnhofs- und Verwaltungsgebäude mit Abfertigungs-, Dienst- und Publikumsräumen sowie einer Bahnhofsgaststätte, mit Ladestraße und Güterschuppen, Abstellgleisen Laderampe und langen Bahnsteigen. Das alles zeugt zwar vom einstigen starken Verkehr und von der früheren Bedeutung des Bahnhofes, wird aber heute so gut wie nicht mehr genutzt.
Die sieben Trieb- und Steuerwagen verrichten auf DB-Strecken ihren Dienst, die Diesellokomotiven ebenso, nur abends kommen sie zum Schuppen nach Hornburg zurück und verbringen die Nacht in einem hervorragend gepflegten, sauberen und voll eingerichteten Schuppen mit Werkstattanbau. Neben dem Lokschuppen stehen einige alte Schuppen für die Rotte, aber auch die sind sauber und gepflegt. Der Anschluß Hoffmeister bekommt ab und zu eine Ladung.
Als ich den Bahnhof 1973 besuchte, war weit und breit kein Wagen zu sehen, alles war still und tot, nichts zeugte von Verkehr. Und trotzdem waren alle Gleise blank und die Anlagen wie geleckt, als wenn ein Heer von Putzern, Gärtnern und Hofarbeitern ausschließlich damit beschäftigt wäre, die Gleise blank zu halten.


Bahnhöfe nordwestdeutscher Kleinbahnen


Fotos (Aus "Bahnhöfe nordwestdeutscher Kleinbahnen): Bahnhof Hornburg mit Blick in Richtung Grenze, rechts im Hintergrund der Schornstein der ehem. Zuckerfabrik (weitgehend abgerissen), links im Hintergrund Gebäude der Firma Chr. Hoffmeister (Getreide, Futtermittel usw.), Gebäude noch weitgehend erhalten. Blick in Richtung Börssum - Gleisanlagen, Bahnhofsgebäude mit Lokschuppen links im Hintergrund

Bahnhöfe nordwestdeutscher Kleinbahnen


Gleisplan


Gleisplan des Bahnhofes Hornburg (Aus "Bahnhöfe nordwestdeutscher Kleinbahnen")

Gegen Ende der 70er Jahre wurde die Strecke stillgelegt und die Gleise nach Börssum abgebaut. Im Lokschuppen hatte sich ein Eisenbahnverein etabliert, dort waren Dampflokteile eingelagert. Davor stand ein historischer Eisenbahnkran. Das Bahnhofs- und Verwaltungsgebäude ging in den Besitz des Bauunternehmens "Bachmann" über und wurde äußerlich leicht aufgefrischt und umgebaut. Mitte der 80er Jahre verschwanden auch die restlichen Gleise im Bahnhofsbereich. Heute, im Jahr 2002, ist der Bahnhof weiterhin im Besitz der Firma Bachmann, mit Reisebüro, der Lokschuppen gehört einer Baufirma (weitgehend im Originalzustand), und im Gleisbereich sind Bus- und PKW-Parkplätze entstanden.




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