Ein perfektes Wochenende: vier Engländer besuchen den Harz
Tony Streeter Es ist 21 Uhr. Vier Freunde sitzen in einem Wohnzimmer in Peter-borough - 100 Meilen nördlich von London, Großbritannien (GB) - und gucken sich Dampflokdias an. Soweit ist alles noch normal, immerhin gibt es tausende Fans in dem Mutterland der Eisenbahn. Jedoch geht es heute nicht um Flying Scotsman oder Mallard, sondern um die bulligen Harzloks. Denn vier Wochen zuvor waren diese vier im Harz.
Wir vier arbeiten alle für die britische Zeitschrift Steam Railway, die größte Dampflokzeitschrift der Welt, aber dies war ein privater Harz-Besuch. Außer mir, Tony Streeter, kannte den Harz keiner.
Ich habe großes Glück, da mich mein Job als Redakteur in die ganze Welt führt. Auf der Suche nach Dampfloks habe ich schon im tiefen Schnee in China gestanden, in der Hitze Indiens gewartet und bin im Jeep durch Sibirien gefahren.
Aber seit meinem ersten Besuch im Harz, kurz nach der Wende, ist es diese Eisenbahn, zur der ich immer wiederkehre.
In GB alleine gibt es zwar 160 Museumseisenbahnen und Eisenbahnmuseen (unter anderem die Ffestiniog Railway, die ihre Kontakte zum Harz enthusiastisch pflegt). Alle werden von tausenden von freiwilligen Helfern unterstützt. Aber keine von unseren Dampfbahnen ist länger als 20 Meilen (30 km), und keine davon hat täglichen Dampfverkehr. Und das ist eben der Unterschied, denn so großartig sie auch sind, sie sind eben alle nur Museumseisenbahnen. In ganz Europa gibt es nichts, was sich mit dem Harz vergleichen läßt.
Wenn ich den freiwilligen Helfern der Museumseisenbahnen in Großbritannien von all den Dingen im Harz erzähle - zum Beispiel den 25 Dampflokomotiven, den mehr als 10 täglichen Zügen zum Brocken, dem ÖPNV im Raum Nordhausen, dem 6.35 Uhr Schulzug und dem Güterverkehr - dann können sie es immer gar nicht fassen, denn so etwas könnte hier nicht mehr existieren.
Foto (Tony Streeter): 17. Oktober 2002 - ein Sonderzug im Harz, gechartert für den Spezial-Reiseveranstalter "Steam Breaks".
Denn es ist überhaupt nicht selbstverständlich, daß es dieses im 21. Jahrhundert noch gibt. Und dies ist nur Dank der harten Arbeit der vielen engagierten Mitarbeiter der HSB noch möglich. Deswegen kommen so viele Besucher, auch aus dem Ausland, in den Harz.
Alleine Steam Railway hat Hunderte von Lesern seit 1994 in den Harz gebracht. Letztes Jahr hatten wir die 99 6101 gebucht, um ein letztes Mal in die Argenta Schokoladenfabrik zu fahren.
Nun war es für meine Kollegen auch endlich soweit - ein intensives Wochenende im Harz!
Am Freitag nachmittag kamen wir in Wernigerode an und machten sofort mit Herrn Prochnau eine Tour durch die Werkstatt.
Das alleine ist für Engländer beeindruckend, weil wir sonst eher freiwillige Mitarbeiter in kleineren Werkstätten kennen. Dann folgte eine Fahrt im Nebel zum Brocken und zurück.
Danach war es Zeit, zu unserer Unterkunft in Rieder bei Gernrode zu fahren. Als eingefleischte Eisenbahnfans konnten wir aber nicht widerstehen, noch im Dunkeln bei der Einsatzstelle Gernrode vorbeizuschauen. Das war keine schlechte Idee, denn die 99 5606, 99 6001 und 99 7238 standen dort alle drei unter Dampf.
Wir trafen einen freundlichen HSB-Mitarbeiter und konnten richtige Dampf-BW-Atmosphäre erleben. Meine Kollegen genossen den echten Harzzauber.
Am Samstag stand die ganze Selketalbahn auf dem Programm.
Als erstes haben wir drei Abfahrten fotografiert: den 07.29 Uhr Zug nach Harzgerode (99 6001), den 08.00 Uhr Sonderzug zum Brocken (99 7238) und den 08.29iger nach Alexisbad (99 5906).
Foto (Tony Streeter):
Lok 99 6001 verläßt mit ihrem Zug (8951) und einer beeindruckenden Dampf-wolke den Bahnhof Gernrode.
Am frühen Nachmittag hatten wir das Glück, in Gernrode den Sonderzug mit 50 3695 aus Staßfurt zu sehen. Danach sind wir das ganze Selketal bis nach Hasselfelde und zurück gefahren.
Trotz des anstrengenden Programmes war auf dem Rückweg jegliche Müdigkeit sofort verflogen, als wir auf der Bühne direkt hinter 99 6001 auf der 1:25 Steigung bei Mägdesprung standen. Bei einem so fantastischen Geräusch spricht man auf Englisch von "stack talk"!
Um 20.30 Uhr in Gernrode angekommen, waren wir reif für ein gutes Essen, ein Bier und unsere Betten.
Aber am Sonntag wurde trotz allem nicht ausgeschlafen, denn wir hatten die Harzquerbahn noch "nicht gemacht".
Wir fuhren erst mit dem Auto nach Eisfelder Talmühle, um von da aus mit dem Triebwagen nach Nordhausen zu kommen. Nach einem rapiden Fahrzeugwechsel standen wir dann auf dem 10.06 Uhr Zug nach Drei Annen Hohne.
Hautnah zu erleben, wie der Lokführer den Zug auf den nassen Schienen hinter Eisfelder Talmühle perfekt im Griff hatte, war etwas, was wir alle sehr zu schätzen wußten. Denn besonders um diese Jahreszeit kann dies eine Herausforderung darstellen.
Egal, welche Sprache man spricht, diese versteht man immer - vielen Dank für so ein unvergessliches Spektakel!
Die Rückfahrt bedeutete wieder etwas Neues - diesmal auch für mich - eine Fahrt im Cabriowagen der HSB. Zu guter Letzt genossen wir eine Fahrt der etwas anderen Art, auf der Rübelandbahn von Blankenburg nach Elbingerode und zurück.
Foto (Tony Streeter): Lok 99 5906 mit dem Zug 8961 bei Drahtzug.
Am folgenden Tag mußten wir den Harz leider verlassen, aber nicht bevor wir den strahlenden Sonnen-schein auf dem Bahnhofsgelände Gernrode genossen hatten. Schon wieder eine Überraschung: Wir hatten nicht nur den Planzug mit 99 6001, sondern auch einen Übergabezug nach Wernigerode mit der Mallet 99 5906 und 99 7238 zum Fotografieren. Eine gute Erinnerung zum Mitnehmen.
Zwei Termine standen immer noch auf dem Plan: ein Besuch im Traditions-BW Staßfurt, wo wir unter anderem die 50 3695 wiedergetroffen haben, diesmal leider nur kalt. Im Anschluß waren wir bei der Romonta AG in Amsdorf, westlich von Halle zu Besuch.
Romonta erzeugt über 90 % der Weltproduktion an Montanwachs, ein Braunkohleextrakt, das vor allem in Schuhcreme, Plastik und Gummi verarbeitet wird. Anziehungspunkt war aber das dortige Bahnsystem mit seiner Dampfspeicherlok.
Wie auf unserer ganzen Reise wurden wir sehr herzlich empfangen. Keiner von uns hatte jemals zuvor eine Dampfspeicherlok im Einsatz gesehen. Das war nun wirklich ein gelungenes Ende unserer Reise, und wir mußten nur noch zurück nach Berlin kommen, um den Flug nach Hause zu erreichen.
Wir kamen in Peterborough um Mitternacht an, rechtzeitig, um am folgenden Tag leider wieder zu arbeiten.
Es war eine fantastische und "non stop"-Reise, und ich hatte wirklich das Gefühl, meinen Kollegen so viel gezeigt zu haben, wie man nur in drei Tagen im Harz sehen kann. Aber wichtiger noch ist, was sie von unserem Wochenende gehalten haben. Ihre spontane Reaktion sagte alles: "Wann fahren wir wieder zurück?". Seid versichert, wir kommen wieder...
Foto (Tony Streeter): Ein Zug an der legendären "Brandstelle" in Richtung Brocken.

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