Bock auf Rollbock?

Volker Baake    In unserer Vereinszeitung wird ja viel über die heile Eisenbahnwelt von gestern oder über den aktuellen "Museumsbetrieb" berichtet, aber die Harzer Schmalspurbahnen GmbH (HSB) haben auch eine moderne Seite. In diesem Artikel möchte ich über den aktuellen Güterverkehr berichten - aber vorher doch ein Blick zurück. Der Güterverkehr hatte im Harz schon immer eine große Bedeutung, auch auf schmaler Spur. Während auf den Talstrecken Nordhausen - Ilfeld und Wernigerode - Steinerne Renne die Kunden mit aufgebockten Normalspurwagen auf Rollböcken bedient wurden, wurde der Güterverkehr darüber hinaus mit schmalspurigen Güterwagen abgewickelt. Sicher hätte man sich das Umladen der Wagenladungen von Schmalspur auf Normalspur und umgekehrt gern erspart, aber die Rollböcke waren ungebremst, was einem Einsatz der Rollböcke auf der Gebirgsstrecke entgegen stand. Die Rollbockgruben in Wernigerode und Nordhausen sind heute noch erhalten, aber in Nordhausen wegen Oberbaumängeln normalspurseitig und in Wernigerode wegen Auflassung des Anschlußgleises nicht mehr befahrbar. Eine Verbesserung der Effektivität kam mit der Einführung der Rollwagen 1963. Rollwagen verfügten über eine Saugluftbremse, später Druckluftbremse. Damit war es nun möglich, Normalspurwagen auf dem Gesamtnetz der ehemaligen Nordhausen - Wernigeroder Eisenbahn AG (NWE) einschließlich nach Hasselfelde zu befördern. Die Rollwagengruben wurden in Nordhausen und Wernigerode errichtet. Die Wernigeröder Rollwagengrube teilt sich das Schicksal mit der Rollbockgrube, in Nordhausen mußte diese dem Neubau der neuen Rollbockgrube "Vevey" weichen. Auf der Selketalbahn bleiben die Schmalspurgüterwagen bis 1990. Ab 1983 kamen von Nordhausen die ersten Rollwagen bis Alexisbad bzw. bis Silberhütte.
Mit der Wende kam der Güterverkehr fast völlig zum Erliegen, einziger Kunde bis heute sind die Hartsteinwerke Unterberg. Den letzten großen Einsatz der Rollwagen gab es beim Bau der Neubaustrecke nach Vienenburg.
Das Aufrollen der Wagen war für heutige Verhältnisse zu personalintensiv - normalerweise vier Rangierer plus Lokpersonal. Die Kuppelbäume machten auch ein Zugbegleitpersonal erforderlich. Allein das hätte dem Güterverkehr in der LKW-vergeilten Welt das Genick gebrochen. Heute beschränkt sich der Rollwagenverkehr auf den HSB-eigenen Schotterverkehr für Bauzwecke, bestehend aus 4 Fc-Wagen (Normalspur) auf 4 Rf 4 (Rf = Rollfahrzeug, 2 = zweiachsiger Rollbock, 4 = vierachsiger Rollwagen).
Es wurde die Idee geboren, aus der Schweiz neue automatische, gebremste Rollböcke Bauart "Vevey" zu beschaffen. Dieses zukunftsweisende Vorhaben wurde vom Land Sachsen-Anhalt und vom Freistaat Thüringen gefördert. Als Triebfahrzeuge wurden die Loks 199 872 und 199 874 umgebaut und stehen im Reichsbahn V 100-Outfit zur Verfügung. Diese bekamen während einer HU bei Adtranz in Kassel eine Funkfernsteuerung und eine UIC-Zug und -Stoßvorrichtung, welche um die Aufbockhöhe noch oben versetzt wurde. Die Puffer können hydraulisch hochgeklappt werden, um einen reinen Mittelpufferbetrieb zu ermöglichen (Untereinander sind diese beiden Loks nur mit Kuppelbaum zu kuppeln.). Die Roll-bockgrube wurde an Stelle der alten Rollwagenanlage gebaut und im Stellwerk Nordhausen Nord signaltechnisch integriert. In die Rollbockanlage passen maximal 28 Rollböcke.

Bei der HSB existieren zwei Versionen der Vevey-Rollböcke mit folgenden Nummern:
    Version 1    99-01-70 bis 99-01-89 (ex. Regionalbahn Bern - Solothurn (RBS))
    Version 2    99-01-90 bis 99-01-99 (Neubau Vevey für HSB).

Die Normalspurwagen werden heute von den Stadtwerken Nordhausen, Verkehrs- und Stadtreinigungsbetrieb GmbH gestellt. Diese haben noch zwei Dieselloks der DR BR 101 ebenfalls in Originallackierung. Bei einer Aufbockgeschwindigkeit von 1-1,5 m/s sollen sich die Radsätze in den Radmulden der Rollböcke absenken. Das Aufbocken erfolgt weitgehend automatisch und wird vom Lokrangierführer überwacht. Wird man zu schnell beim Aufbocken, wird der Rollbock schnell bockig und findet seine Achse nicht. Rollbock retour, blockieren und mit allem zurück, aber Rost durch zu lange Stillstandszeiten macht uns dann das Leben schwer. Die Rollböcke sind luftgebremst, Oerlikon-Bremsventile versorgen die Bremszylinder mit Luft. Die Bremse wirkt wie eine Scheibenbremse auf die Innenflächen der Radkörper. Die Brems-schläuche, welche für die verschiedenen Wagen in verschiedenen Längen vorhanden sind, werden etwas "abartig" an den Wagen befestigt und gehen so von Rollbock zu Rollbock. Dieses Schlauchen benötigt viel Zeit, die man im praktischen Eisenbahnalltag nicht immer hat, und erfordert manchmal viel Kreativität. Dieses Manko kann nur durch ein eingespieltes Team von Lokführer und Wagenmeister wettgemacht werden.
Die normale Relation, die diese Güterzüge fahren, beschränkt sich auf den Streckenabschnitt Nord-hausen - Eisfelder Talmühle. Hier gelten für die Güterzüge zwar Höchstlasten, aber die Achsenzahlen sind maßgebend, das heißt, daß zwischen Nordhausen und Eisfelder Talmühle maximal 24 Regelspurachsen, zwischen Talmühle und Unterberg höchstens 12 Regelspurachsen gefahren werden dürfen.
Das besondere ist, daß jetzt auch 4-achsige Normalspurwagen problemlos und überhaupt mit Vmax gefahren werden dürfen. Der Vierachser muß einen Drehgestellachsstand von min. 1800 mm haben. Der Raddurchmesser der Wagen darf nicht größer 1000 mm und nicht kleiner als 820 mm sein. Welche Wagengattungen nicht gefahren werden dürfen, das aufzuzählen, würde hier zu weit führen. Die am meisten gefahren Wagengattungen sind K, Fc, Fac, Fans und Fas.

Der Fahrplan: Die meistbenutzte Trasse heißt Ng 90112 Nordhausen - Unterberg (Hg max 40 km/h) ab 09.31Uhr, Unterberg 10.24 Uhr an, nachdem der Zug in Talmühle getrennt wurde. Üb 77113 10.54 ab Unterberg und 11.00 Uhr den ersten beladenen Teil in Talmühle abstellen. Üb 77114 ab 11.10 Uhr wieder nach Unterberg zum Laden, als Ng 90113 wieder in Talmühle 11.50 Uhr, Zug zusammenstellen, Talmühle ab 12.19 Uhr, in Ilfeld 12.23 bis 12.45 Uhr, Kreuzung mit 8914, Krimderode 12.59 bis 13.19 Uhr, Kreuzung 8916 und Nordhausen Nord auf der Rollbockgrube 13.27 Uhr an. Sollten für diesen Tag noch Kundenwünsche offen sein, und die DB AG ist tatsächlich in der Lage, die Wagen zu stellen, geht es als Ng 90114 ab 14.27 Uhr nach Unterberg, in Nordhausen wieder an 18.07 Uhr.

Bei unserer Herbstveranstaltung "Schmalspurbahnen einst und heute" werden wir das Aufbocken demonstrieren, sollte Schotterverkehr stattfinden, wird dieser Güterzug auch als Fotozug genutzt.

Informationen gibt es bei:

    Volker Baake     Hangelgasse 9,    38855 Silstedt,
    Tel. 03943/22361    Fax: 03943/249255     v-baake@t-online.de

199 872

Foto (Volker Baake): Die 199 872 hat hier am 19.03.2003 mit 12 Normalspurwagen einen langen Zug 90113 "am Haken" bzw. "vor dem Puffer", denn die Wagen sollen "abgebockt" werden. Die vorderen acht Wagen stehen (auf dem Foto leider kaum erkennbar) schon auf der "Rollbockgrube".



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