Besuch von HSB-Personal bei der Ffestiniog Railway
John Bell / Horst Dittmann Vom 4. bis 6. Mai 2002 organisierte die Ffestiniog Railway (FR) eine neue Art von Veranstaltung: "Ffestiniog Interactive". Zusätzlich zum Planbetrieb wurden viele Sonderzüge gefahren, und Gäste konnten bestimmte Betriebspersonale begleiten und selbst Hand anlegen!
- Natürlich gegen Vorreservierung und Zahlung -
Am Rande dieses Programmes wurde ein Rangierwettbewerb für Lokpersonale anderer Bahngesell-schaften angeboten. Als Preis für die beste Mannschaft lockte dann am Montag, 6. Mai, eine eigene Fahrt mit der Fairlie-Doppellok und je einem Schieferzug und einem Personenzug. Außerdem wurde den Lok-personal-Gästen eine Mitfahrt auf einer NGG 16 Garratt der "Welsh Highland Railway" (WHR) angeboten.
John Bell, FR-Lokführer seit 1981, wohnhaft seit 1991 in Deutschland, hat die HSB hierzu eingeladen. Horst Dittmann und Hartmut Reinhardt nahmen teil, sowie eine Mannschaft von der schweizer SBB und mehrere britische Museumsbahnen.
Horst und Hartmut fuhren am 02.05.2002 in Nordhausen mit großen Erwartungen los. Es war auch ein Erlebnis, mit einem ganz modernen Zug (ICE ab Kassel) zu fahren. John erwartete die HSB-Kollegen in Mannheim am Bahnsteig.
Horst hat John's Kindern einen freien Kopfstand vorgeführt (bestimmt aus großer Vorfreude). Wie viele HSB-Mitarbeiter wissen, daß er so was machen kann?
Am Freitag früh ging es wieder eine Etappe zurück mit dem Zug zum Flughafen Frankfurt (Main).
Während der Zugfahrt haben wir die aktuelle Ausgabe "DB-Mobil" studiert. Es gab einen Bericht über "Snowdonia" (die Gegend in Wales, wo sich die FR befindet) und einen Bericht über das DLW Meiningen mit einem Bild von einer Harzer 99.72. Die zwei Berichte haben uns ganz prima verbunden. Der Bericht über Wales prognostizierte, daß es fast immer regnen würde. Nun - wir wollten mal sehen....
Im Flieger zeigte Hartmut seine Vorliebe für Schienenfahrzeuge. Er zitterte und fühlte sich ganz unwohl auf der ganzen Strecke nach Manchester. Es war doch sein erster Flug! Vielleicht sollte er bei der FR als Heizer zurückbleiben?
Mit einem Mietfahrzeug ging es direkt weiter. John ist gefahren; er kennt sich doch aus mit der Falsch-fahrerei in Großbritannien. Leider war das Verkehrsaufkommen am Feiertagswochenende so stark, daß wir alle Reserven ausnutzen mußten, um gegen 14:00 Uhr planmäßig im FR BW "Boston Lodge" einzutreffen.
Der Initiator "Ffestiniog Interactive", Paul Lewin, begrüßte uns gleich mit: "Umziehen, es gibt viel zu tun!". Es mußten zwei Schaugüterzüge zusammengestellt werden. Wir fuhren mit der schon vorbereiteten "Mountaineeer" (1-C-1, ALCO, Bj. 1917) gemeinsam mit "Linda" (1-B Schlepptenderlok, Hunslet, Bj. 1893) und ein paar Güterwaggons zum 2 km entfernten Minffordd, ehemaliger Umschlagbahnhof zwischen Schmal- und Normalspur. Hier ist die Bahnmeisterei zu Hause. Gegen 18:00 Uhr waren die Züge zusammengestellt und dann ging es los nach Glan-y-Pwll in der Nähe von Blaenau Ffestiniog. Auf der Lok waren zwei FR-Lokpersonale, John Bell und Adrian Strachan, mit Horst und Hartmut abwechselnd. Horst ist natürlich auch selbst gefahren und konnte seine 10 Jahre alten Kenntnisse auffrischen!
Gegen 21:00 Uhr waren wir (fix und) fertig. Es gab aber noch Zeit für ein paar Bierchen.
Im Pub wurden sie von John´s Freund Seamus Rogers (auch 2001 zwei Mal bei der HSB gewesen) mit dem Spruch begrüßt: "Jetzt kommen die Profis!"
Beim FR Boston Lodge Chefingenieur, Jonathan Whalley (genannt "Wol"), haben wir eine vernünftige Unterkunft gefunden.
Am Samstag vormittag fuhren Horst und Hartmut mit auf "Linda" zusammen mit Lokführer Seamus und seinem Heizer Tony Willmore. Dem Zug wurde "Prince" vorgespannt.
Hartmut zeigte gleich, daß er seine Kenntnisse der Öl-44er auf eine Lok mit 60 cm Spurweite bestens umsetzen konnte. Trotz kaum nennenswerter Fremdsprachenkenntnisse auf beiden Seiten klappte die Verständigung erstaunlich gut. Hartmut machte sich lustig über Horst's Radschleudern bei der Ausfahrt aus Tan-y-Bwlch. Kurz danach aber, mit den Worten "das kostet einen Kaffee" beschwerte sich Horst bei Hartmut über das Abblasen kurz vor dem Tunnel. Daß es sich hier um ein eingespieltes Team handelt, wurde John von seinen FR-Kollegen zugetragen.
Während Horst und Hartmut unterwegs waren, bereitete John Rauchkammerschilder für die HSB- und SBB-Kollegen vor.
Am diesem Wochenende wurde nämlich Jack Eugster, SBB Zürich, 50 Jahre alt. Das Geschenk von seinen SBB-Dampf-Kollegen und Kollegen der FR und HSB zu diesem Anlaß war eine Fahrt als Lokführer eines Schieferzuges mit der Fairlie-Lok "Taliesin". Auf dem Rauchkammerschild stand "Der Jack-Eugster-Schieferzug / SBB <+> FFR / Kann er noch mit 50 fahren?" Als Aufsicht spielte John hier mit.

Foto (John Bell): Der "Geburtstagszug" für Jack Eugster.
In der Zwischenzeit stürzten sich Horst und Hartmut in ein Abenteuer. Sie wollten gern essen. Dazu wurde die Speisekarte "gedeutet" ohne Englischkenntnisse. Es wurde ein voller Erfolg, denn zufällig wurde das Lieblingsessen entdeckt. Danach erkundeten beide die wunderschöne Küstenlandschaft und das Hafenbecken bei Porthmadog.
Abends blieb noch etwas Zeit zur Unterhaltung mit FR-Kollegen - natürlich in der Kneipe.
Für John als Dolmetscher war auch der Feierabend noch Schwerstarbeit. Endlich mal ab ins Bett...
Am Sonntag ging es schon recht früh los; 07:30 ins BW. Horst und Hartmut nahmen erst an der Überführung der Lok "Palmerston" (Schwester Lok zur Prince, Bj. 1864, und noch rostgefeuert) nach Minffordd teil. FR-Personal waren Andy Wright und Michelle Gamage als Heizerin (....sie heizte uns immer gut auf!) und schon wieder als Dolmetscher - John.
Nach Beobachtung des zu Tal fahrenden Schieferzuges ohne Triebfahrzeug kam für Horst und Hartmut die Stunde der Wahrheit.
Hier in Minffordd befindet sich der Rangierbahnhof, wo sie die gestellte Rangieraufgabe lösen sollten. Die Jury stand bereit, die Aufgabe wurde ihnen schriftlich überreicht. Die dazu erforderlichen Handsignale gestattete die Jury, nach deutschem Signalbuch zu geben. Eine kurze Abstimmung zwischen Lokführer und Heizer und schon begannen die Rangierarbeiten. Nach Absolvierung des Rangierauftrages stand schon unser "Taxi" zur WHR bereit.
Die halbstündige Fahrt durch die reizvolle Landschaft nach Caernarfon, dem Ausgangsbahnhof, war für beide eine willkommene Ruhepause.
In Caernarfon angekommen, wurden sie vom Lokpersonal der Garratt NGG16, Tony Williams und Andy Shaw, begrüßt. Die fehlenden Fremdsprachenkenntnisse trafen hier auf noch größere Barrieren. Trotz allem stellte man Horst und Hartmut gleich auf Lokführer- und Heizerposition. Jetzt standen sie auf einer Garratt, auch 60t schwer, wie eine 99.72, aber auf einer 60 cm Spur. Sie ist eine Dampflok, warum sollte die nicht auch bewegt werden können?
Mit leichten Steigungen und Neigungen (max. 25 Promille) wurde der momentane Endbahnhof Waunfawr nach 12 km erreicht. Ein Kuriosum im Streckenverlauf stellte ein unbeschrankter Bahnübergang dar, hier mußte der Zug anhalten und nach dem Achtungssignal weiterfahren.
Die Begeisterung für die Maschine war groß. Leider war die Fahrt zu schnell zu Ende. Aber bald kommen viele Kilometer hinzu, denn man arbeitet mit Hochdruck an der Weiterführung der Strecke nach Porthmadog (und die Verbindung an die FR). Der nächste Bauabschnitt im Wiederaufbau nach Rhyd Ddu soll im Frühjahr 2003 in Betrieb gehen.
Auf der Rückfahrt nach Minffordd konnten einige Eindrücke vom ehemaligen und zukünftigen Streckenver-lauf gewonnen werden.
Während dieser Zeit absolvierten die Schweizer Kollegen ihren Rangierauftrag im Wettbewerb. Hier ging es ganz lustig zu: Hemmschuhe wurden überfahren, Michelle als Heizerin flog im Kohlentender hin und her, und die Rangiergeschwindigkeit war rekordverdächtig. Man spürte, Jack war happy, es war ja sein 50. Geburtstag!
Anschließend lud Jack zu seiner Geburtstagsparty ein, "leider" mußte John noch fahren.
Abends aber trafen sich alle wieder im Pub.
Ein weiterer Höhepunkt war die Bekanntgabe der Ergebnisse des Rangierwettbewerbes. Gesiegt hatte die HSB-Mannschaft! Die Freude darüber war sehr groß, das bedeutete jedoch, daß für die Sieger am nächsten Morgen der Wecker sehr früh klingeln würde (04:45 Uhr).

Foto (John Bell): Siegerehrung des Rangier-Wettbewerbes der Ffestiniog Railway.
Jack und sein SBB-Kollege Sami Bühlmann freuten sich in diesem Falle, nicht Sieger geworden zu sein, sie mußten nicht so früh aufstehen!
Am Montag früh gingen Horst und Hartmut mit Wol (der FR-Lokführer) auf Siegertour zum BW. Die Aufsicht auf der Heizerseite war Alex Crooks, jung und engagiert. Kurz vor 07:00 Uhr ging´s bergauf nach dem 14 km entfernten Dduallt mit 25 Schieferwaggons samt Packwagen.
Triebfahrzeug war die Fairlie-Doppellok "Earl of Merioneth". Horst durfte gleich die zwei Dampfregler betätigen, Hartmut hatte zwei Ölfeuerungen einzustellen. In Dduallt wurden die Waggons abgehängt; die Lok kam auf das Abstellgleis. Das HSB-Personal stieg auf den Schieferzug auf, die Handbremsen wurden gelöst, das Hornsignal ertönte und es ging talwärts.
Die Freigabe für den zu befahrenden Blockabschnitt hatte der Verantwortliche (in jedem Fall ein Lokführer) bei sich. Er gab auch Achtungssignale für Übergänge über ein Horn, Brems-signale, und regelte auch so die Geschwindigkeit des Zuges. Mit viel Spaß an der Handbremsarbeit erreichten wir auch ohne Lokomotive den Zielbahnhof Minffordd, und planmäßig!
Jetzt war Frühstück angesagt. John holte Horst und Hartmut ab und brachte sie nach Porthmadog. Frühstück heißt in Wales "Bacon and eggs". Nun hatten wir ein wenig Luft. Diese verbleibende Zeit nutzten Horst und Hartmut zum Kauf von Mitbringseln für ihre Lieben zu Hause, während John mit Ffestiniog Travel über die Publizierung in Großbritannien der Herbst-2002-Selketal-Veranstaltung diskutierte.
Um 12:00 Uhr fanden wir uns wieder im BW Boston Lodge ein. Nach Übernahme der Lok "Earl of Merioneth" überführten wir einen Leerwagenzug nach Porthmadog. Hier wurde Öl und Wasser getankt (restauriert) und danach unser Zug bespannt. Natürlich haben wir das HSB-Rauchkammerschild aufgehängt. Nun kam der Initiator dieses Wochenendes, Paul Lewin, mit dem Redakteur der Zeitschrift "Railway Magazine" auf uns zu. Paul ehrte die Sieger des Rangierwettbewerbes, Horst und Hartmut, mit der Überreichung des Universalschlüssels zu Einrichtungen der FR. John, der "Dolmetscher", war stolz auf seine "friends from Germany".
Danach konnte sich John bei den darauf folgenden Planpersonenzügen etwas zurücklehnen....
Jetzt kam die letzte Tour. Wir hatten die Heizeraufsicht gewechselt. Für Alex kam Ben Rosen. Beim Ölbunkern fing Ben an, Hartmut Anweisungen auf englisch zu geben. John betonte: "Das kann er gar nicht verstehen" Ben konterte mit: "Er wird´s schon verstehen, wenn´s überläuft!"
Leider war die Tour viel zu schnell zu Ende.

Foto (John Bell): Vor dem HSB Personal war nichts "sicher" - hier die Garratt Nr. 138 "Millenium" der Welsh High-land Railway beim Um-setzen in Waunfawr, Lokführer ist Horst Dittmann!
Die absolute Härte nach Feierabend war der Aufbruch "in Richtung Heimat". In der Nähe des Flughafens von Manchester wurde noch ein Zwischenstop bei John´s Schwiegereltern in Birkenhead eingelegt.
Dienstag früh flogen wir nach Frankfurt zurück. Hartmut überstand den Flug problemlos. Man konnte ihn als Heizer nicht dabehalten...
Die FR/WHR haben ihn und auch Horst sehr begeistert und alles, was um sie herum an Natur zu bewundern war. Der Harz ist aber doch ihr Zuhause!
Übrigens, der Bericht in "DB-Mobil" wegen des Wetters war fehlerhaft, denn wir hatten vier Tage lang meist strahlenden Sonnenschein....
Ein weiterer Bericht über die Ffestiniog and Welsh Highland Railways wird in einer späteren Ausgabe der Harzbahnpost folgen.

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