Unvergessene Tage


Peter Schröder    Mein Jugendtraum, Lokomotivführer zu werden, ist leider nicht in Erfüllung gegan-gen. Im Rentenalter hatte ich nun urplötzlich die Gelegenheit, vier Tage lang so richtig das Berufsleben der Lokführer miterleben zu können.
Mit fast dem gesamten Betriebspersonal der Brohltalbahn, vier Lokführern der HSB und unserer einsatz-freudigen Malletlok 99 5902 begeisterten wir die Reisenden auf der Schmalspurstrecke in der land-schaftlich wunderschönen Eifel.
Besonders auf dem Steilstreckenabschnitt macht der Reisende, der interessiert aus dem Wagenfenster schaut und die vorbeiziehende Landschaft genießt, sich keinen Begriff davon, was dort vorn auf dem Führerstand Lokführer und Heizer leisten müssen.
Dem Kessel wird alles abverlangt, damit die Steigung 1:20 überwunden wird. Ununterbrochen werden fast alle Armaturen bedient, immer wieder der Blick auf die Manometer geworfen, die Feuertür aufgerissen, mit geübtem Schwung Steinkohle auf den Rost geworfen, denn der Kesseldruck darf nicht absinken.
In kurzen Abständen wird Wasser in den Kessel gespeist, da die Dampfmaschine unentwegt mit hoher Leistung arbeitet, den Dampf förmlich in sich hineinfrisst und weithin hörbar durchs Tal die Auspuffschläge dröhnen lässt. Der verdampfungsfreudige Kessel ist an seiner Leistungsgrenze ...


Foto (Detlef Jänisch): Die Anstrengung, die die 99 5902 - hier mit einem Güterzug mit Phonolith-Wagen - auf der Steilstrecke erbringen musste, kann man hier nur erahnen. Aber - sowohl die über 100 Jahre alte Malletlok, als auch das (wesentlich jüngere) Lokpersonal haben dem Harz alle Ehre gemacht, die bei besonders schweren Zügen eingesetzte "Angstlok" am Zugschluß wurde nicht wirklich benötigt ...

Abends sitzen wir dann zusammen und werten das Dampfspektakel aus, fachsimpeln bis in die späte Nacht hinein, legen die Zugbildung für den nächsten Tag fest. Dabei freue ich mich besonders darüber, wie groß die Kameradschaft ist. In sehr herzlichem Ton wird alles haargenau besprochen, und wir haben das Gefühl, als kennen wir uns schon jahrelang.
Die Kraft, die unsere Mallet im Tal des kleinen Flüsschens Brohl entwickelt, ist aber nur ein winziger Bruchteil gegenüber der Kraft, die vor 11.000 Jahren die Natur bei der Gestaltung der Eifel entwickelte. Vulkane schleuderten Magma und Asche in die Täler und formten so die wunderbare Landschaft.
Dies alles lernte ich nicht nur bei einer Fahrt mit der Brohltalbahn kennen, sondern auch bei einer Autofahrt mit Herrn Thelen, dem Betriebsleiter der Brohltalbahn. Mit einer Begeisterung zeigte er mir die heutigen Nutzungsstellen der Vulkangesteine, wie Basalt- und Tuffsteinabbau.
Gern wollte ich als Dank für diese ausführlichen und interessanten Besichtigungen eine Gegenleistung bringen. Da ich nicht das Patent für die Reglerberechtigung besitze, freute ich mich darüber, dass ich im Zug der Brohltalbahn den Fahrgästen Kaffee und Kuchen servieren durfte.
Die eigenen Reisezugwagen wurden in den 60er Jahren verschrottet, so sind jetzt Wagen von der Berner-Oberland-Bahn im Einsatz, so dass ich kurzerhand Hilfskellner in einem Schweizer Waggon geworden bin. Hätte ich das vor wenigen Jahren als DDR-Bürger zu träumen gewagt?!
Ein Erlebnis der besonderen Art war es auch, mit freiem Oberkörper und Waschutensilien unter dem Arm, durch den Lokschuppen, an den dort stehenden, in Aufarbeitung befindlichen Lokomotiven vorbeizugehen, um in die Waschkaue zu gelangen. Ich werde mich stets daran erinnern, wie ich einige Tage lang echte Eisenbahner-Atmosphäre genossen habe. Der Abschied fiel mir sehr schwer.


Foto (Peter Schröder): Ein sehr interessantes Fahrzeug der Brohltalbahn ist dieser 1956 gebaute Fuchs-Triebwagen (VT 53) mit "Einzelachsantrieb" - auf jeder Achse (!!) arbeitet ein 190-PS-Motor über ein Strömungsgetriebe, aufgrund der Gesamt-Leistung von 680 PS wird er teilweise sogar als "Güterzug-Lok" eingesetzt ...


Weiter

Inhalt