99 5902 im Brohltal


Martin Schweitzer    Warum ist es am Rhein so schön, das mag sich vielleicht die 99 5902 gedacht haben, als sie ihre angestammten Gleise im Harz verließ und sich, wie wir ja meist auch, per Motorkraft über die Autobahn zu einem neuen Betätigungsfeld aufzumachen.
Was Lokomotiven können, kann ich sicherlich auch und stellte mir am Vorabend des 18. Mai den Wecker auf sechs Uhr. Nichts außergewöhnliches, wird sich mancher sagen, aber wenn man bis ein Uhr in der Nacht arbeiten darf, dann schon. Da es für mich die einzige Gelegenheit war, die 99 5902 im Brohltal zu erleben, machte ich mich noch etwas müde, aber voller Vorfreude auf den Weg. Frankfurt am Main - Brohltal lässt sich in 2 Stunden bequem zurücklegen.
A 61 Abfahrt Niederzissen war zunächst das Ziel. Vor der Abfahrt überquert man auf einer hohen Brücke das Brohltal in etwa der Hälfte der ca. 18 km langen Strecke des Vulkanexpresses.
Bis zur Abfahrt in Brohl war noch genügend Zeit, so dass ich auf dem Weg zum Abfahrtsbahnhof Brohl schon mal einen Blick auf die Strecke nehmen konnte, um ein paar gute Fotostandpunkte zu finden. Die Strecke entfernt sich nie sehr weit von der Straße, was mir einige Hoffnung machte, auch ein paar gute Fotos machen zu können.
Weit vor Abfahrt des Zuges kam ich am Schmalspurbahnhof Brohl B. E. an. Der Zug stand im Bahnhof schon bereit. Was fehlte, war die 99 5902. Ein lautes, mir bekanntes Lachen wies mir den Weg. Das Lachen gehörte zu Dirk-Uwe Günther, der mit Roger Zilling und einigen Mitgliedern der Brohltalbahn die 99 5902 auf ihre bevorstehende Fahrt fertig machte, sprich abölen und putzen!
Normalspurlokomotiven überall irgendwo anzutreffen mag man ja gewohnt sein, aber eine bestens bekannte Malletlokomotive fern der Heimat anzutreffen, ist auf den ersten Blick doch ein ungewohntes Bild.
Nach vollzogener "Kosmetik" wurde 99 5902 noch bis Unterkante Lukendeckel mit Wasser aufgefüllt. Um unterwegs Wasser nachzufassen, ist man auf dieser Strecke irgendwie nicht so darauf vorbereitet. Wasser wird in diesem Tal lieber in Flaschen abgefüllt und mit LKWs weggefahren, als damit durstigen Lokomotiven unterwegs zu helfen.
Da für den Nachmittag Regen angesagt wurde, beschloss ich, erst zu photographieren und dann mitzu-fahren, somit wurde es Zeit, mich zum ersten Fotostandpunkt aufzumachen. Mein erster Standpunkt war auf dem noch relativen flachen Stück zwischen Brohl und Bad Tönisstein. Für den zweiten Standpunkt galt es sich nun zu entscheiden, Tönissteiner Viadukt oder Tunnel? Tunnel gibt es auch im Harz, also Viadukt.

Tönissteiner Viadukt

Foto (Peter Schröder): 99 5902 mit Sonderzug auf dem Tönissteiner Viadukt - ein imposantes Bauwerk!

So ging es weiter, immer ein Stückchen vorausfahren und auf den Zug warten. In Oberzissen hatte ich mich leider verfahren. Trotzdem schaffte ich es noch, vor dem Zug in Engeln anzukommen. Ein Viertelstündchen wäre noch Zeit, bis der Zug kommt. Aber Schmalspuruhren sind Gummiuhren, die gehen da nicht so genau. Von Engeln aus bergab Richtung Fußhölle. In diesem Ort, gleich die erste Straße links. Irgendwo mussten doch auch hier die Gleise vorbeikommen. Richtig, so war es auch. In einer langgestreckten steilen Linkskurve führte die Strecke, aus dem Wald kommend, an einem Hang entlang.
Gerade rechtzeitig verschaffte ich mir noch einen guten Standpunkt, denn fünf Minuten zu früh war der Zug da! Bei der Fahrplanabstimmung hatte wohl niemand mit Harzer Dampfloks gerechnet.
Warum hinten am Zug noch ein Triebwagen hing, blieb mir allerdings ein Rätsel. Bei der Vorbeifahrt hörte es sich an, als würde der Motor im Leerlauf laufen.
Auf der Rückfahrt machte ich dann keine weiteren Bilder. In Brohl wieder angekommen, schaute ich mir den Bahnhof und die Gleisanlagen etwas näher an, während 99 5902 wieder mit Vorräten ergänzt wurde.
Als erstes fiel mir auf, dass zwar die Wagen alle eine Mittelpufferkupplung hatten, aber ein völlig anderes Kupplungssystem. Ähnlich wie bei Modellbahnen bekannt, wurde das Kupplungsproblem so gelöst, dass an dem ersten und letzen Wagen, zusätzlich an der jeweils der Lok zugewandten Seite, die bekannte Harzer Kupplung mit angebaut wurde.




Fotos: (Peter Schröder): Die unterschiedliche Zugvorrichtung zwischen HSB und BE; der (bei einigen Fahrzeugen vorhandene) große, starke Mittelpuffer mit dem unter dem Puffer liegenden Zughaken der BE und die neu angebauten, extra mit einem "Kreuzgelenk" versehenen Balancekuppeleisen für die "Harzer" Kupplung. Wie die untere Aufnahme beweist, war das "Kreuzgelenk" in engen Bögen keine reine Vorsichtsmaßnahme ...

Bei der zweiten Tour an diesem Tage zog die Lok die Wagen ohne "Angstdiesel". Etwas hochgelegen am Hang schlängelt sich die Bahnlinie aus Brohl heraus. Vor Bad Tönisstein klettert die Bahnlinie auf einem Steindamm etwas den Hang hoch, um dann auf einem zwölf Meter hohen und 120 Meter langen Viadukt Bad Tönisstein zu überqueren. Gleich nach dem Viadukt geht es durch den Tunnel, der etwas länger als der im Harz ist, aber dafür genau so dunkel.
Burg Brohl, Niederzissen, Oberzissen heißen die nächsten Bahnhöfe bzw. Haltepunkte. In Oberzissen ist es Zeit, die Wasservorräte zu ergänzen, ab hier beginnt die Steilstrecke von 1:20! Da wird jedes Kilo Reibungsgewicht benötigt. Aber am Bahnhof weit und breit kein Wasserkran zu sehen. Die Feuerwehr, die sonst gerne einspringt, ist zwar direkt gegenüber vom Bahnhof, aber kein Feuerwehrmann mit Schlauch zu sehen.
Also griff das Lokpersonal zu Selbsthilfe - rein in den Packwagen und mit Schlauch und weiterem Zubehör zum Hydranten auf dem Gelände der Feuerwehr. Nach wenigen Minuten waren die Tender wieder randvoll gefüllt. Nun beginnt der Teil der Fahrt, auf den ich mich schon am meisten gefreut habe. Die Steilstrecke sollte kommen. Während es im Harz maximal 1:30 bergauf bzw. auch bergab geht, war hier das Verhältnis 1:20. Auf 20 Meter Streckenlänge geht es einen Meter höher!
Das Wetter und vor allem auch die anderen Fahrgäste im zweiten Wagen hinter der Lok spielten mit, und ich konnte die ganze Steilstrecke auch akustisch erleben. Ein Genuss für Auge und Ohr! Daß hier normalerweise keine Dampfloks fahren, bekam man allerdings auch mit. Obwohl die Mallet nicht gerade das erstemal hier entlangfuhr, kamen noch jede Menge Ästchen und anderes aus den über den Gleisen hängenden Zweigen geflogen. Bei der Steigung und offenem Regler usw. wurde alles aus den Bäumen rausgeblasen, was nicht festgewachsen war.
Schade finde ich nur, dass nicht alle mitfahren, sondern es doch immer wieder einige gibt, die nur zum Fotografieren kommen. Alle Bahnen können nur existieren, wenn die Finanzen stimmen. Gerade Museumsbahnen sind darauf sehr angewiesen. Nur Bilder machen und nichts beitragen zum Erhalt der Bahnen finde ich nicht so toll.


Foto (Detlef Jänisch): Verständlicherweise bespannte die 99 5902 überwiegend Personenzüge, dieses Bild beweist aber, dass sie auch zu "Güterzugehren" gekommen ist.


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