99 5902 im Brohltal


Dirk-Uwe Günther    ... und nun ist es Wirklichkeit geworden! So könnte ich den Artikel "100 Jahre Brohltalbahn" in der Ausgabe 4/2001 der "Harzbahnpost" weiterführen, denn nicht ohne Grund hatte ich diesen beim Verfassen mit Pünktchen enden lassen. Der Wunsch, einmal mit einer HSB-Malletlokomotive auf einer Steilstrecke zu fahren - und diese gibt es in Deutschland nur noch auf der Brohltalbahn (BE) - ging uns nicht mehr aus dem Kopf. Die einzige Schmalspursteilstrecke auf dem Gebiet der Deutschen Reichsbahn war im Erzgebirge, wo am 14. Juli 1967 die sächsische IV K 99 586 mit dem letzten Güterzug vor der Stillegung den Bahnhof Carlsfeld erreichte. Die Steigung betrug 1:20 und wurde als "Himmelsleiter" bezeichnet.
Durch die guten Kontakte, die durch das Wahrnehmen der Einladung zur 100-Jahr-Feier der BE entstanden waren und den (un)glücklichen Umstand, daß die einzige betriebsfähige Dampflokomotive der BE plötzlich defekt war, sollte unser Traum nun doch in Erfüllung gehen. Zuvor waren jedoch noch viele offene Fragen zu klären und auch gegenteilige Meinungen zu diskutieren - immerhin wäre dies die erste Fahrt einer aktiven Dampflokomotive bis Engeln nach 35 Jahren! Die Problematik der unterschiedlichen Zug- und Stoßvorrichtungen bei der BE und der HSB konnten schon im Vorfeld vom Werkstattleiter der BE, Harald Zimmer (Harry), perfekt gelöst werden. Als dann bei der ersten Probefahrt nach Burgbrohl zwischen Lok-Schornstein und der Tunneldecke bei Tönisstein noch ca. zehn Zentimeter Luft war, fiel bestimmt nicht nur mir ein Stein vom Herzen.


Foto (Peter Schröder): Bevor es mit dem Einsatz der 99 5902 tatsächlich Ernst wurde, waren eine Reihe technischer Fragen zu klären. Die Bremssysteme "paßten" gottseidank, das Problem der verschiedenen Zug- und Stoßvorrichtungen wurde auch gelöst (siehe Bilder Seite ??), auch das Problem der "Profilfreiheit" konnte vorab geklärt werden.
Die "Stunde der Wahrheit" kommt dann in der Praxis - funktioniert auch alles so, wie vorher theoretisch durchdacht? An manchen Stellen wurde es für die Mallet ganz schön eng - eine BR 199.8 hätte hier bestimmt nicht mehr durchgepaßt ...


Eine oft gestellte Frage war - was sollte die Höchstlast sein? Bis Oberzissen gar kein Problem - da könnten wir den ganzen (Wagen-)Bahnhof mitnehmen - aber wir wollten ja unbedingt nach Engeln auf die Steilstrecke...! Durch unsere Arbeit bei der HSB wußten wir, daß der Unterschied zwischen den Steigungen 1:30 auf 1:40 zehn Kilometer pro Stunde schneller bei gleicher Last bedeutet - aber was wird von 1:30 auf 1:20? Von Straßberg zum Fluorschacht hier im Harz gab es zwar auch Steigungen wie in Brohl, aber dazu war leider niemand mehr aussagefähig. Daß uns die Praxis letztendlich zeigte, daß Mensch und Maschine in der Lage sind, 75 Tonnen nach Engeln zu fahren, hat mich selbst auch in Erstaunen versetzt - die gleiche Last wie im Harz! Das hätten sicher selbst die Konstrukteure der Lok der Firma Jung vor über 100 Jahren nicht gedacht.


Foto (Detlef Jänisch): Malletlokomotiven gab es früher auch auf der Brohltalbahn - hier die einzige erhaltene, aber schon lange nicht mehr betriebsbereite "11sm" neben der 99 5902. Das Kürzel "sm" steht übrigens für "schwere Mallet" - wie der Größenvergleich zeigt, ist dies keine Übertreibung ...
Auch in den Medien war diese dreiwöchige Aktion stark vertreten. Im Internet (Forum) las ich dazu: "Darf sie nun oder darf sie nicht?" (gemeint war, ob die Lok allein und aktiv auf die Steilstrecke durfte). Da mußte ich als unmittelbar Beteiligter schon lächeln.
Daß die gesetzlichen Anforderungen und grundsätzliche Fragen so unbürokratisch abgewickelt und geklärt wurden, ist in erster Linie den Obersten Betriebsleitern beider Bahnen zu verdanken. Vielen Dank an Herrn Niesen für die BE und Herrn Bauer für die HSB! Überhaupt war dieses Ereignis so gut gelungen, weil alle Beteiligten es wollten - so kam es sehr schnell untereinander zu guter Kameradschaft, Freundschaften und Vertrauen in kürzester Zeit, was beispiellos ist. Aus unserer Sicht haben wir die HSB dort gut vertreten können, insbesondere durften wir mit einer nicht alltäglichen Lokomotive aus dem Harz drei Wochen in einer Gegend fahren, in der die HSB weniger bekannt ist. Dafür gibt es dort sehr guten Wein...!
Für uns aus dem Harz, Volker Baake, Jens Ehrhardt, Detlef Jänisch, Hartmut Wegener, Roger Zilling und mich war es eine fantastische Veranstaltung. An dieser Stelle bedanke ich mich nochmals für ihr unbezahlbares Engagement, letzteres im wahrsten Sinne des Wortes, da diese Einsätze finanziell zu Gunsten der BE stattfanden. Danke auch für das Verständnis unserer Familien für die wenigen Tage, die wir im Monat Mai zu Hause waren.
Es gibt so viele Erinnerungen, die einmalig bleiben werden. Einige möchte ich hier noch wiedergeben: Am 4. Mai absolvierte Harry seine Dampflokführerprüfungsfahrt nach Engeln, selbst der Prüfer war von unserer 99 5902 so beeindruckt, so viel Spaß hatte er seit langer Zeit nicht mehr. "Daß ich noch einmal auf einer Mallet stehe, die auf einer Steilstrecke fährt und dabei jemand seine Prüfungsfahrt macht, hätte ich nicht gedacht.", waren seine Worte. Selbst der Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Rhein-Mosel GmbH und stellvertretender Verbandsdirektor des Zweckverbandes Schienenpersonennahverkehr Rheinland-Pfalz Nord ließ es sich nicht nehmen, als Heizer auf der 99 5902 zu fahren und bis nach Engeln zu schaufeln. "Da freue ich mich schon lange drauf!"!, sagte Stephan Pauly. Vielleicht kommt ja auch mal ein Vertreter des Aufgabenträgers im Schienenpersonennahverkehr aus Sachsen-Anhalt zu uns auf die Lok...!
Unvergessen auch der Moment, als Detlef und ich den Kessel der 99 5902 im Hafen von Brohl vom Straßentransport "salonfähig" machten und dabei den Blick auf den Rhein genossen oder die Blicke der Gäste, die bei unserer Fahrt zu den alten Hafenanlagen entlang der B 9, im Gasthof "Zum Anker" sitzend, das Abendessen unterbrachen, weil eine Malletdampflok mit Güterwagen vorbeifuhr oder auch diejenigen, die an der Steilstrecke standen bei einer der vielen Fahrten der 99 5902 allein nach Engeln und in dem idyllischen Tal die schwer arbeitende Dampflok akustisch genießen konnten. Alle, die in irgend einer Form dabei waren, sind sicher mit mir einer Meinung - das war die Schmalspurveranstaltung des Jahres 2002! Alles Gute, Ihr lieben Brohltaleisenbahner, es war schön, bei Euch gewesen zu sein (mit Malletlok "Für Steilstrecke") und Eure Gastfreundschaft genießen zu dürfen.

Anmerkung der Redaktion:
Ein Beitrag, der einen statistischen Überblick (z.B. Einsatztage, Laufleistung usw.) über den Einsatz der 99 5902 im Brohltal gibt, wird in der nächsten Ausgabe veröffentlicht.


Foto (Detlef Jänisch): Auch die Geselligkeit kam nicht zu kurz - hier wurde per Handhebeldraisine ein "Ausflug" zum nächsten Lokal unternommen ...




Fotos (Detlef Jänisch): Bilder, die bei den Beteiligten nicht nur "auf Papier" in Erinnerung bleiben - Rangieren am Hafen direkt am Rhein mit der 99 5902 und "Zugbegegnung" mit dem ICE - die Mallet hatte hinsichtlich der Geschwindigkeit nicht die geringste Chance ...


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