Mit dem Triebwagen der HSB auf den Bahnhofsvorplatz in Nordhausen


Jörg Bauer    Seit dem Mittag des 27. April dieses Jahres fahren die Triebwagen der Harzer Schmalspurbahnen GmbH (HSB) in Nordhausen bis auf den Bahnhofsplatz. Sie halten hier unmittelbar gegenüber der Haltestelle der Straßenbahnlinie 1, so daß ein direktes bahnsteiggleiches Umsteigen ermöglicht wird. Auf dem Bahnhofsplatz zwischen den Halteplätzen der Straßenbahn sowie der HSB und dem Bahnhof der Deutschen Bahn AG befindet sich jetzt auch der zentrale Busbahnhof, so daß alle öffentlichen Verkehrsmittel hier optimal verknüpft sind.
Bei der HSB haben sich mit dem 27. April einige betriebliche und technische Veränderungen ergeben. So fahren im eigentlichen Bahnhof Nordhausen Nord nur noch die Dampfzüge und morgens der erste Triebwagen nach Ilfeld ab, hier erfolgt auch nach wie vor die Ankunft der Dampfzüge und des letzten Triebwagens abends. Alle übrigen Triebwagenfahrten werden über Gleis 5 und das neu verlegte Gleis in der Oskar-Cohn-Straße zum Bahnhofsplatz geführt. Dazu wurden im mechanischen Stellwerk Nordhausen Nord zwei neue Fahrstraßen eingerichtet und zwar vom Zwischensignal C nach Gleis 5 (neues Hauptsignal G) und vom neuen Zwischensignal F in Gleis 5 zum Ausfahrsignal B. Für die Fahrt vom Signal C nach Gleis 5 wird zusätzlich an diesem Signal der Kennbuchstabe "S" (für Stadtbahn) gezeigt. Beim Signal F handelt es sich um ein Formhauptsignal, so daß jetzt drei derartige Signale (an den Gleisen 1, 2 und 5) nebeneinander stehen und das historische Erscheinungsbild auch hier gewahrt bleibt. Vom Signal G aus erfolgt dann die Fahrt der Triebwagen auf den Bahnhofsplatz nach Straßenbahn-Bau- und Betriebsordnung (BO Strab) - vereinfacht gesagt: auf Sicht. Ist die Fahrt erlaubt, zeigt daher das Signal G (Lichtzwergsignal) auch keinen Fahrtbegriff, sondern Kennlicht. Umgekehrt erfolgt dann die Fahrt vom Bahnhofsplatz aus ebenfalls nach BO Strab, an der Grenze zwischen BO Strab und Eisenbahnbau- und Betriebsordnung für Schmalspurbahnen (ESBO) wurden entsprechende Schilder aufgestellt.
Im Zusammenhang mit den genannten sicherungstechnischen Änderungen wurden weitere Anpassungen vorgenommen. So wurde die mechanische Vollschrankenanlage Bruno-Kunze-Straße in die Signalabhängigkeit einbezogen, für die gleichartige Anlage an der Freiherr-vom-Stein-Straße wurde dies vorbereitet, eine Inbetriebnahme wird hier in den nächsten Wochen erfolgen. An Stelle der bisher an den Signalen D und E (Gleis 1 und 2) vorhandenen Rautentafeln (bisher noch durch Ausnahmegenehmigung der Auf-sichtsbehörde zugelassen) gibt es jetzt Lichtsignale, die bei zugelassener Rangierfahrt das Signal Sh1 "Fahrverbot aufgehoben" zeigen. Somit konnte hier auch die Sicherheit des Bahnbetriebes weiter ver-bessert werden.
Auch die Triebwagen, die auf den Bahnhofsplatz fahren, mußten für den Betrieb nach BO Strab Zusatz-einrichtungen erhalten. Sie wurden mit Warnglocken und Bremsleuchten ausgerüstet. An der Grenze ESBO/BO Strab betätigt der Triebfahrzeugführer einen Taster, der die Einrichtungen nach BO Strab zu- bzw. abschaltet. Zwischenzeitlich wurden die Triebwagen 187 011 bis 013 und 015 bis 019 vollständig ausgestattet, so daß diese Triebwagen freizügig im gesamten HSB-Netz bis auf den Bahnhofsplatz in Nordhausen eingesetzt werden können. Nicht mehr möglich sind jetzt allerdings Überführungen von Wagen mit den Triebwagen von und nach Nordhausen, wie sie bisher oft durchgeführt wurden. Solche Überführungen können nun nur noch mit den Dampfzügen oder Sonderfahrten erfolgen und bedürfen daher einer sorgfältigeren Planung, um keinen unnötigen zusätzlichen Aufwand zu erzeugen. Allerdings ist in der mit der Aufsichtsbehörde abgestimmten betrieblichen Regelung auch eine Öffnungsklausel für das Fahren mit anderen Fahrzeugen auf den Bahnhofsplatz vorgesehen, wenn die Betriebsleiter der Straßenbahn Nordhausen (Stadtwerke Nordhausen, Verkehrs- und Stadtreinigungsbetrieb GmbH) und der HSB dies einvernehmlich - gegebenenfalls mit zusätzlichen Regelungen - festlegen.
Nicht unerwähnt bleiben soll auch, daß die gesamte Investition in einem Wertumfang von mehr als einer halben Million EURO nur möglich war, weil der Freistaat Thüringen sie sehr großzügig mit 85 % gefördert hat. Seine Unterstützung hat der Freisaat auch für die weiteren Vorhaben im Raum Nordhausen - Ilfeld zugesagt. So soll es möglich werden, zur Landesgartenschau 2004 in Nordhausen mit Zweisystemfahrzeugen (auf der Basis des Straßenbahntriebwagens "Combino"), die nach BO Strab und nach ESBO (für die Strecke Nordhausen Nord - Ilfeld) zugelassen sind und einen elektrischen (für Fahrleitungsbetrieb) und dieselelektrischen Antrieb besitzen, durchgehend vom Nordhäuser Krankenhaus bis nach Ilfeld zu fahren. Für eine Stadt und Region in der Größenordnung von Nordhausen dürfte eine solche innovative Nahverkehrslösung deutschlandweit noch einmalig sein.





Fotos (HSB GmbH): Vorbei am altehrwürdigen Bahnhofsgebäude der ehemaligen NWE in Nordhausen führt nun ein Verbindungsgleis der HSB auf den Bahnhofsvorplatz zu einer gemeinsamen Haltestelle mit der Straßenbahn Nordhausen.
Viele Nordhäuser Einwohner ließen es sich nicht nehmen, bei diesem Ereignis dabei zu sein, was letztendlich das Interesse an dieser Verbesserung des ÖPNV beweist.



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