Ergänzungen zum Artikel "Die Grenzkorrektur am Goetheweg"

Holger Prochnau    In der "Harzbahnpost" 3/2010 wurde ein Artikel veröffentlicht, der sich mit den Auswirkungen der Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen nach dem II. Weltkrieg und der daraus resultierenden Teilung Deutschlands beschäftigte. Dazu gab es drei Reaktionen von Lesern, die hier - teilweise gekürzt - wiedergegeben werden.
Offensichtlich ist der die Brockenbahn betreffende Gebietsaustausch schon deutlich vor Gründung der beiden deutschen Staaten (Alt-) BRD und DDR, noch im Jahr 1945, erfolgt. Im Jahr 1952 gab es dann wahrscheinlich Überlegungen, die Trasse der Brockenbahn aus dem unmittelbaren Grenzgebiet zu verlegen. Wie wir heute wissen, sind diese Überlegungen nie aus dem "Ideen-Stadium" herausgekommen - und heute ist das alles zum Glück längst Geschichte.


Hans-Joachim Weise    Die von den alliierten Siegermächten vorgenommenen Grenzkorrekturen waren keineswegs "kurios", sondern rein praktischer Natur gewesen, da sowohl die Ländergrenzen als auch die der preußischen Provinzen in aller Regel denen aus der Zeit feudaler Kleinstaaterei entsprachen. Was häufig schon beim Bau von Eisenbahnstrecken durch den notwendigen Abschluss von Verträgen zwischen den berührten Staaten und die dazu erforderlich gewesenen meist langwierigen und zähen Verhandlungen zu großen Schwierigkeiten geführt hatte, musste bei der Aufteilung in Besatzungszonen angesichts unterschiedlicher Interessen der Besatzungsmächte ebenfalls zu Problemen führen, auch vor Beginn des "Kalten Krieges" und insbesondere dann, wenn die Grenzlinie mehrfach geschnitten wurde. Das nun war bei der Brockenstrecke bekanntlich im Bereich der Hirschhörner der Fall gewesen. Dieser Gebietsaustausch fand jedoch nicht 1952, sondern bereits am 12. September 1945 statt. Es handelte sich wie in anderen Fällen auch um offizielle Vereinbarungen, zu denen die jeweils zuständigen Befehlshaber ermächtigt waren. Auch damals konnten lokale oder regionale Befehlshaber nicht aus einer Laune heraus handeln, wie etwa der für den genannten Austausch im Werratal aufgebrachte Begriff "Whisky-Wodka-Linie" glauben machen könnte.
Mit den Maßnahmen zur verschärften Grenzsicherung vom 26. Mai 1952 hat der Gebietsaustausch beim Bahnhof Goetheweg überhaupt nichts zu tun. Diese erfolgten vielmehr als eine Antwort - ob die richtige oder nicht, sei hier dahingestellt - auf die Bestrebungen der Regierung Adenauer, durch den Beitritt zur geplanten "Europäischen Verteidigungsgemeinschaft" (EVG) die Verfügungsgewalt über reguläre Streitkräfte zu erlangen und so auch militärisch eine Rolle in Europa zu spielen. Diese EVG scheiterte schließlich am Veto der Französischen Nationalversammlung, weshalb das angestrebte Ziel erst mit dem 1955 erfolgten Beitritt zur NATO erreicht wurde.
Die Brockenbahn ist also zu keiner Zeit durch Hoheitsgebiet der BRD gefahren, sondern ausschließlich durch Grenzgebiet der DDR. Wenn das nicht so gewesen wäre, hätte - damals nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Besatzungsmächte, die noch bis 1955 alle Kontrollfunktionen innehatten - ein völkerrechtlicher Vertrag zwischen beiden deutschen Staaten abgeschlossen werden müssen. Ein solcher aber wäre angesichts der durch die Regierung Adenauer betriebenen Nichtanerkennungspolitik von vornherein unmöglich gewesen und selbst Handelsabkommen liefen nur über Umwege.
Ich verweise bezüglich des Gebietsaustausches auch auf "Mit der Brockenbahn in den Harz" von Manfred Bornemann (dritte Auflage 1990, bei Piepersche Druckerei und Verlag GmbH, Clausthal-Zellerfeld, erschienen) und natürlich "100 Jahre Harzquer- und Brockenbahn" von Jörg Bauer (Eisenbahnkurier-Verlag, Freiburg 1999). In keiner dieser Quellen findet sich eine Aussage zu einer etwaigen Neutrassierung der Brockenbahn im genannten Gebiet. Wenn es denn derartige Überlegungen gegeben haben sollte, wofür auch die Quellen zu nennen wären, können diese nur mit der auf Grund der Verordnungen vom 26. Mai und vom 9. Juni 1952 erfolgten Schaffung eines 10 m breiten Kontroll- und eines 500 m breiten Schutzstreifens zusammenhängen. Durch eine Neutrassierung wäre die Brocken-bahn dann außerhalb dieser Sperrbereiche verlaufen.




Helmut Lang    Die Geschichte mit Bad Sachsa war mir nicht neu - ich las aber mit großem Interesse die administrativen Hintergründe dieser Gebietsumverteilungen.
In diesem Gebiet mag sich auch das abgespielt haben, was Herr Rudolf Zietz in seiner sehr lesenswerten Broschüre "Erlebnisse an der Grenze im Harz", Mecke Verlag und Druck, Duderstadt 2003, auf Seite 128 seinen Lesern mitteilte:
"Durch die Ziehung der Zonengrenze ging (den Besitzern in der britischen Zone - der Autor) ein Drittel der Ackerfläche verloren. Dasselbe geschah mit den Arbeitsplätzen in Ellrich, Niedersachswerfen und Nordhausen. Bis 1950 wurden für die Bauern, die Ländereien im Gebiet der DDR hatten, sogar "Feldscheine" ausgegeben, um die Äcker und Wiesen bewirtschaften zu können. Dies war jedoch ab 1951 nicht mehr möglich, da die russischen Soldaten von Volksarmisten abgelöst wurden. Diese untersagten das Betreten der Ländereien.
Zwischen den Landwirten und den russischen Soldaten, die überwiegend aus ländlichen Gebieten stammten, bestand ein recht gutes Verhältnis. Die Grenzposten halfen zuweilen sogar bei den Feldarbeiten.
In jener Zeit war die Grenze noch offen, d.h., es war ein reger Grenzverkehr möglich. Ich erinnere mich noch gut daran, dass wir fast jede Nacht Übernachtungsgäste hatten. Es waren Leute, die die SBZ (Sowjetisch besetzte Zone - der Autor) in Richtung Westen verlassen hatten und bei uns Zwischen-station machten. Sie beriefen sich dabei auf alle möglichen Leute, die angeblich meinen Vater, der aus Nordhausen stammte, kennen wollten."
Meine Eltern - Umsiedler im DDR-Sprachgebrauch, also Vertriebene aus dem Sudetengau, hatten durch irgendwelche Umstände eine sehr große Thüringenkarte, vermutlich Vorkriegsware, ca.1 x 1m groß, etliche Male gefaltet, in den 1950er Jahren in ihrem Besitz. Deutlich waren hierauf die Kreise markiert, die Kreisstädte unterstrichen: Nordhausen noch kreisfreie Stadt, Bad Sachsa gehörte - noch - zu Thüringen, das Gebiet an den Hirschhörnern zu Niedersachsen bzw. zur Provinz Hannover.
Beim Stöbern in altem Kartenmaterial fiel mir ein Kartenausschnitt in die Hand, vermutlich aus den frühen 1950er Jahren. Als Kind habe ich darauf zuerst die ursprünglich Grenze, dann wohl später die neue dazu nachgezogen. Eingezeichnet sind dort auch noch die alte Eisenbahn-Trasse Ilsenburg - Bad Harzburg über das Eckertal sowie Wanderwege des Harzklubs mit entsprechenden Bezeichnungen.
Dieser Kartenteil erhielt sich nur deshalb über die Jahre, um eine Orientierungsmöglichkeit im Wandergebiet um Drei Annen Hohne zu haben. Bis etwa 1975 hörte jede Markierung weit vor der eigentlichen Sperrzone auf. Wandern war hier nicht verboten, aber größere Touristik unerwünscht. So gab es z.B. im Holtemmetal oberhalb des Gasthauses "Steinerne Renne" keinerlei Markierungen mehr. Wohl aber waren vereinzelt noch alte Harzklubwegweiser in Tafelform aus Metall anzutreffen, wie z.B. in der "Hölle" oder auf dem Hohnekamm - so gesehen im Dezember 1969 bei einer Skitour.
Das wurde erst anders mit der Freigabe des Glashüttenweges bis zum Brockenbett in der Mitte der 1980er Jahre. Dann saßen die Grenzsoldaten mit Schäferhund am Brockenbett bei der Skihütte der Betriebs-Sport-Gemeinschaft (BSG) Motor des Elektromotorenwerkes Wernigerode und wachten peinlichst darüber, dass niemand vom genehmigten Weg entlang der Brockenkinder und Zeterklippen abkam.
Vor dem 13. August 1961 war ich mit meiner Mutter zweimal - 1956 und 1960 - auf dem Brocken, im Rahmen organisierter Ausflüge der damaligen DSF (Deutsch-Sowjetische Freundschaft), Ortsgruppe Nordhausen-Salza unter Leitung des Erdkundelehrers Josef Tauchmann - in der Region bekannt u.a. wegen 50 Jahre meteorologische Beobachtungen von 1955 -2005!
Sehr genau erinnere mich noch an die Ausweichstelle "Goetheweg". Der hinauffahrende Zug drückte zurück auf das hangseitige Gleis, um dem hinabfahrenden Zug Platz zu machen. Trotz vorhandenem Bahnsteig - Aussteigen streng verboten! Darüber wachten mehrere bewaffnete Grenzer mit Schäferhunden. Vom Goetheweg bis zum Eckersprung in Niedersachsen sind es ja nur knappe 200 m - damals also unmittelbares Grenzgebiet. Aus den Unterhaltungen meiner Eltern entnahm ich auch, dass nicht wenige bis zur Verschärfung der Grenzsicherungsmaßnahmen dieses Gebiet nutzten, vom Zug absprangen und relativ unbeschadet die DDR-Grenze überquerten.
Nach der Gründung der DDR wurde das Grenzregime immer weiter verstärkt, ein Grenzübertritt, wie bis ca. 1949 noch relativ problemlos möglich, war nunmehr mit steigenden Gefahren verbunden.



Foto (Sammlung Dickhut): Ein Zug der Brockenbahn 1958 im Bahnhof Goetheweg - kontrolliert von Grenzsoldaten mit Hunden.


Der sehr interessanten Broschüre von Rudolf Zietz - siehe oben - ist auf Seite 66 auch zu entnehmen, dass bereits im Juli 1949 bei Kirchgandern (Heiligenstadt) bei einer versuchten Grenzüberschreitung ein 11jähriges (!) Mädchen zu Tode kam.
Meine Verwandschaft - Stiefbruder und Schwägerin - nutzte in den Nachkriegsjahren mehrmals die noch mehr oder weniger offene grüne Grenze, um über Walkenried - Ellrich meine Eltern in Nordhausen-Salza zu besuchen. Nach 1950 ging das dann nur noch über den Bahnübergang Ludwigstadt - Probstzella.
In der Broschüre von Klaus George "Entlang historischer Grenzwege durch Natur und Geschichte", herausgegeben vom Regionalverband Harz e.V., fand ich auf Seite 61 eine auch sehr interessante Karte zum Thema.




Klaus D. Holzborn    In der letzten "Harzbahnpost" wurde berichtet, das erst Anfang der 1950er Jahre ein Gebietsaustausch im Bereich der "Hirschhörner" erfolgte. Dies ist so nicht richtig - siehe dazu folgende Kopie aus dem Buch von R. R. Rossberg "Grenze über deutschen Schienen" vom EK-Verlag.








Weiter

Inhalt