100 Jahre Bernina-Bahn

Dr. Karl-Martin Beyse    Die Bernina-Bahn im Schweizer Kanton Graubünden beging im Jahr 2010 ihr 100-jähriges Bestehen und feierte dieses Ereignis mit zahlreichen Jubiläumsveranstaltungen. Dies ist der Anlaß für mich, meine erste Begegnung mit der Jubilarin aufzuschreiben.
Es war vor 10 Jahren, meine Frau und ich nahmen an einer Busreise in die Schweiz teil, die den bekannten Kur- und Wintersportort Davos zum Ziel hatte. Während der Fahrt fiel mein Blick auf schmalspurige Gleise, danach entdeckte ich einen Zug in roter Farbgebung - das musste doch die RhB sein! RhB - das ist die "Rhätische Bahn", die meterspurige Staatsbahn des Kantons Graubünden im Südosten der Schweiz, die den gesamten Schienenverkehr zwischen Chur im Norden bis in das Tessin im Süden in der Hand hat - Personenbeförderung, Touristenverkehr, Gütertransport.
Von dem 396 km langen Streckennetz gibt die Skizze Auskunft, die auch das jeweilige Jahr der Eröffnung nennt. Ab 1913 begann die Elektrifizierung des Schienennetzes, die zwischen 1919 und 1922 abgeschlossen wurde.
Die Bernina-Bahn von St. Moritz nach Tirano war zunächst ein eigenständiger Bahnbetrieb und wurde erst 1943 von der RhB übernommen. Der Bau wurde 1906 von beiden Endpunkten begonnen und 1910 fertiggestellt, 1912/13 konnte der ganzjährige Betrieb aufgenommen werden. Auf der 60,7 km langen Strecke wird der Bernina-Pass in der Höhe von 2.253 m überquert. Der Höhenunterschied von hier bis zum Endpunkt Tirano, der bereits auf italienischen Staatsgebiet liegt, beträgt 1.800 Höhenmeter. Das erfordert auf der restlichen Streckenlänge von 48,4 km eine besondere Streckenführung mit zahlreichen Kehrschleifen und einem Gefälle von bis zu 70 %0. Zu den Besonderheiten gehört der Kreisviadukt bei Brusio, der mit einer Gleislänge von 107 m eine Absenkung der Linienführung um 12 m bewirkt.
Die gesamte Strecke der Bernina-Bahn wurde deshalb, ähnlich der Albula-Strecke der RhB mit ihren acht Kehrtunneln, im Jahr 2008 zum Weltkulturerbe erklärt.
Die Bernina-Bahn ist die östlichste Alpenquerung der Schweiz auf dem Schienenweg, und sie ist trotz ihrer offenen Bauweise ganzjährig in Betrieb. Das erfordert neben zahlreichen Schutzgalerien gegen Lawinen und Steinschlag eine besonders leistungsfähige Schneeräumtechnik. Spektakulär ist die legendäre Dampfschneeschleuder Xrot 9213 (Baujahr 1910/12), die jetzt aber nur noch für Nostalgiefreunde in Sondereinsätzen in Betrieb genommen wird.




Skizze (Dr. Karl-Martin Beyse): Das Steckennetz der Rhätischen Bahn - die Jahreszahlen geben das jeweilige Eröffnungsdatum der Teilstrecken an. Rechts unten ist die Bernina-Bahn.


Und nun zu unserer Fahrt mit der Bernina-Bahn im Juli 2000 von Pontresina bis Tirano: Mit unserem Bus von Davos kommend, erreichten wir kurz vor der Abfahrt des Zuges den Bahnhof und sollten uns beim Einsteigen beeilen. Aber dann blieb bis zur Abfahrt doch noch etwas Zeit für ein Foto auf dem Bahngelände. Da standen zahlreiche mit Baumstämmen beladene Güterwagen, Holztransporte nach Italien sind auf dieser Strecke häufig anzutreffen. Meistens werden die Güterwagen den Reisezügen beigestellt, reine Güterzüge findet man hier kaum, anders als auf dem übrigen Streckennetz der RhB.
Dann setzte sich unser Zug in Bewegung, bespannt mit zwei Gleichstrom-Triebwagen der RhB-Gattung Abe 4/4 III (Baujahr 1988/90, Leistung 1.016 KW). Zunächst durch das waldreiche Wandergebiet im Val Roseg um Morteratsch erklomm der Zug in flottem Tempo auf bogenreicher Strecke den höchsten Punkt, die Station "Bernina Ospizio" (2.253 m). Der Name der Station erinnert an die "Hospiz" ge-nannten Unterkünfte für Wanderer und Reisende bei der Überquerung der Alpenpässe in vergangener Zeit. Das Bahngelände liegt unmittelbar am "Lago Bianco" (Weißer See), der die Wasser-scheide zwischen dem Schwarzen und dem Adriatischen Meer ist und zugleich die Sprachgrenze zwischen dem Rätoromanischen im Norden und Italienischem im Süden darstellt.
Bei der Weiterfahrt in die Ebene des Tessin eröffneten sich grandiose Ausblicke auf das tief unten gelegene Tal mit dem Lago Poschiavo. Bei einer Zugkreuzung fotografierte ich den "Carozzo Panoramica" (Aussichtswagen), der mich an das Schienencabrio der HSB erinnerte. Bei der Ortsdurchfahrt in San Antonio und Le Prese wurde der Zug, ähnlich wie bei der HSB an der Kirchstraße, zur Straßenbahn und musste sich die Straße mit anderen Fahrzeugen teilen. Ein Höhepunkt war natürlich die Fahrt über den "Kreisel von Brusio", dem bereits erwähnten Kreisviadukt. Hinter der Station Campocologno wurde die Staatsgrenze zu Italien passiert, damals noch durch einen Zaun mit verschiedenen Toren gekennzeichnet, während die Passkontrolle auf dem Bahnhof von Tirano erfolgte. Dieser befindet sich in unmittelbaren Nachbarschaft zur Station der FS, der Italienischen Staatsbahn "Ferrovia Statale". Damit endete die erlebnisreiche und unvergessliche Zugfahrt mit der Bernina-Bahn.




Foto (Peter Schröder): Eines der "Markenzeichen" der Bernina-Bahn - der Kreisviadukt bei Brusio.








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