Der Triebwagen GHE T 1

Siegmar Frenzel     Bedingt durch die Nachwirkungen des I. Weltkrieges und der Weltwirtschaftskrise hatte die Gernrode-Harzgeroder-Eisenbahngesellschaft (GHE) große finanzielle Schwierigkeiten zu bestehen und zu überwinden, um den geforderten Betrieb weiter fortsetzen zu können. Der Fahrzeugpark war überaltert, die Loks teilweise zu schwach, um den gestiegenen Anforderungen im täglichen Fahrbetrieb standzuhalten. Die drei im Krieg verbliebenen Malletloks und die dazugehörigen Wagen waren zwar finanziell ausgeglichen worden, aber das Geld ist durch die Inflation verfallen. Die Mittel für die beiden fünfachsigen Loks GHE 21 und 22 verursachten zusätzliche Kosten, man stand tief in den roten Zahlen. Hinzu kam ein bemerkenswerter Anstieg der Konkurrenz durch sich bildende Kraftverkehrs-unternehmen, die dem Bahnbetrieb zu schaffen machte. Dem trat man entgegen, indem man selbst ein bahneigenes Kraftverkehrsunternehmen gründete und natürlich auch dafür Fahrzeuge erwerben musste. Die Reduzierung der Kosten hatte oberste Priorität und bestimmte die zukünftige Verfahrensweise im Bahnbetrieb.
Als sich die finanzielle Lage 1933 etwas verbesserte, entschloss man sich schließlich, einen Triebwagen zu kaufen, um somit den Ansprüchen auf den verkehrsschwachen Abschnitten gerecht zu werden. Versuche mit Holzgastriebwagen auf der Brohltalbahn standen zur Diskussion, günstiger waren natürlich Dieseltriebwagen, es stand ja schon vor 1930 ein Dieseltriebwagenpaar für Testfahrten bei der GHE im Einsatz, welches aber für den Export nach Brasilien vorgesehen war. So entschied sich die Geschäftsleitung für die Beschaffung eines kleinen zweiachsigen Dieseltriebwagens, mit 32 Sitzplätzen, von der Waggonfabrik Dessau, der auch schon für andere Bahnunternehmen gebaut wurde.
Durch den Einsatz dieses Fahrzeuges, konnte die Kostensituation wesentlich verbessert werden, kostete doch der km nur 0,35 RM, gegenüber den Kosten für einen Dampfzug von 2,50 RM/km. Man stand der Modernisierung des Fahrzeugparkes der Schmalspurbahn sehr positiv gegenüber, sah man doch nun einen Lichtblick am Horizont für den Weiterbetrieb. Dazu eine am 25. November 1933 erschienene Zeitungsnotiz im "Harzer Boten":
Der neue Schienenzepp der Gernrode-Harzgeroder Eisenbahn wurde Dienstag und Mittwoch zum ersten Male in Probefahrten in Betrieb gesetzt. Der 32sitzige Omnibus macht einen ausgezeichneten Eindruck. Nach einigen kleinen Abänderungen wird er in Dienst gestellt werden.
Der GHE T 1, wie seine bahndienstliche Bezeichnung war, kam in erster Linie zwischen Alexisbad und Stiege zum Einsatz. Die erste Fahrt nach dem Fahrplanwechsel im Mai 1934 wird im "Anhalter Kurier Bernburg" vom 15.05.1934 in sehr blumiger Sprache wie folgt beschrieben:

Die neue Selketalbahn
Am Montag hatte auf allen Bahnhöfen der Schwamm den großen Kehraus mit den alten Winterfahrplänen gemacht. Und am Dienstag prangten die neuen Pläne mit der Ankündigung der verbesserten Zugverbindungen überall an den Wänden.
Auf Bahnhof Gernrode aber stand im lachenden Maienmorgen ein neuer, blitzender Wagen. Die alten, schmalbrüstigen Wägelchen unserer Gernrode-Harzgeroder Eisenbahn, die bald 50 Jahre treu und brav ihren Pionierdienst der Verkehrserschließung des Unterharzes geleistet, waren bescheiden auf die Seitengeleise geschoben. Nicht schnob mehr die kleine, arbeitsfreudige "Loko" ihren oft wenig erfreulichen Atem in die frische Harzluft.
Pünktlich um 8.20 Uhr schwingt sich das neue Fahrzeug vorwärts. Leise surrt der Rohölmotor, kein Keuchen und Prusten der kleinen "Loko" mehr, kein hässlicher Qualm, der manchmal ärgert. Es gibt nur eine Klasse, wie bei der Straßenbahn, aber gepolstert. Im grünen, frischen Walde sind alle Menschen gleich.
Am Sternhaus - du liebes, freundliches Waldidyll, abseits der großen Straßen - begegnen sich verwundert alte und neue Zeit. Von oben her kommt das alte Bähnlein gefahren, die alten Schaffnergesichter grüßen hinüber. Ein fröhliches Winken. Dann fliegt der neue, schöne Bruder weiter in die Berge hinein. Sonnige Lichtungen tuen sich auf. Saftgrünes Laub löst die Tannen ab. "Ramberg" wird durchfahren. Der Förster steht da und sieht sich den schnellen Gesellen an, der so respektlos seine Schneisen und Holzschläge quert.
Mit 30 Kilometer geht es aufwärts. Das klingt so gering, nicht wahr, Ihr 60-, 90-, 100-Kilometerfresser? Aber unser altes Bähnle brachte es nur auf 22-25 Kilometer und brauchte Vorspann, wenn die Last von Frachtwagen, mit den Holzerzeugnissen des Selketales beladen, ihm anhing.
Die Heinrichsburg wird umfahren. Verwundert schaut das alte Gemäuer herunter.
Die neue arbeitsbelebte Mägdesprunger Chaussee steht auch im Wandel der Zeit. Schon ebnet sich die Straße, die Zubringerdienste der kommenden Reichsautobahnstraße leisten soll. Bald werden die Steinhaufen rechts und links verschwunden sein, die heute noch den Verkehr hemmen.
Mägdesprung ist erreicht. Der Herr Vorsteher kontrolliert die Zeit. Es klappt tadellos. Der Wagen hat ja auch schon seine Probefahrten hinter sich. An vielen staunenden Gesichtern bei Drahtzug vorbei, an der lustig gletschernden Selke entlang, an den Kreuzen, Kapellen, Auslugen oben an den Selkehängen vorüber, geht es ins Tal der eisernen Romantik. Ein köstlicher Naturfilm rollt sich ab. Der ganze Zauber des sagenumraunten Tales entfaltet sich. Das Auge kann die rasch wechselnden Eindrücke kaum fassen. Und schon leuchtet Alexisbad auf. Das Gelände der Klostermühle, wo einst vor 1000 Jahren die Mönche ihre frommen Lieder sangen, wo sie einst die klappernden Gebeine der um die geschleifte Erichsburg aufgehängten Raubritter christlich bestatteten.
Die Kursaison ist etwas sehr früh schon heute von der Kurkapelle in dem schönen schattigen Kurpark eröffnet worden. Unser Wagen flitzt nach Harzgerode hinauf, dem freundlichen alten Städtchen über der Selke, vor 225 Jahren noch Residenz eines selbstständigen Fürstentums. Eine schöne Parkanlage grüßt am Bahnhof. Die Fahrt ist beendet. In 48 Minuten, während die sonst übliche Fahrzeit 58-60 Minuten betrug.
Dreimal täglich hin und zurück wird der neue Motorwagen die Reise innerhalb des erheblich verbesserten Sommerfahrplanes machen.         Glück auf!




Foto (Sammlung Frenzel): Der Triebwagen GHE T 1 kurz nach der Inbetriebnahme in Gernrode.


Die angedachte Anschaffung eines weiteren Triebwagens wurde zugunsten des Erwerbs eines Busses für den betriebseigenen Kraftverkehr fallen gelassen.
Zum Abbruch des täglichen Einsatzes kam es durch den Ausbruch des II. Weltkrieges. Bedingt durch zunehmende Schwierigkeiten bei der Kraftstoffbeschaffung - Benzin und Dieselkraftstoff wurden im Krieg dringend benötigt, es kam zur Rationierung - war ein regelmäßiger Einsatz nicht mehr möglich, der Triebwagen wurde abgestellt. So verbrachte er die letzten Kriegsjahre bis zum Kriegsende im nicht mehr genutzten Lokschuppen in Eisfelder Talmühle.
Im April 1946 erfolgte der unsinnige Demontagebefehl der Gernrode-Harzgeroder Eisenbahn, der zum völligen Abtransport aller Materialien (Gleise und Fahrzeuge) führte und zum größten Teil von den Mitarbeitern in Dienstverpflichtung ausgeführt werden musste. Kurioserweise blieb der Triebwagen davon unberührt, wie auch der Abschnitt Hasselfelde - Stiege - Eisfelder Talmühle. Dazu hatte ich 1987 ein interessantes Gespräch mit einer ehemaligen GHE-Mitarbeiterin, die die Situation direkt miterlebt hat und eigentlich diejenige war, die den 1933 gekauften Triebwagen vor dem Abtransport gerettet hat. Sie berichtete mir:
Wir waren in Gernrode im Büro, als plötzlich die Tür aufging und zwei sowjetische Offiziere vor uns standen und die Bahnstrecke als Demontageobjekt erklärten. Sie forderten sofort eine Inventurliste, die ich, am ganzen Leibe vor Angst zitternd, dann gleich erstellen mußte. Der Zeitdruck war so groß, daß ich einfach die Liste von 1931 abschrieb und somit meinen Auftrag erfüllt habe.
Der Triebwagen wurde nach Abschluss der Demontage nach Wernigerode überführt und später zwischen Hasselfelde, Stiege und Eisfelder Talmühle eingesetzt. Dieser verbliebene Restabschnitt der GHE wurde nunmehr von der Nordhausen-Wernigeroder Eisenbahn (NWE) weiter betrieben.
Die demontierte Bahnlinie zwischen Gernrode und Straßberg und auch nach Harzgerode wurde ab 1947 unter schwierigsten Bedingungen wieder aufgebaut, nicht zuletzt, um den in Straßberg geförderten Flußspat, auch ein wichtiges Reparationsgut, abtransportieren zu können.
Am 8. März 1949 war die Strecke zwischen Gernrode und Straßberg wieder befahrbar, der Abschnitt nach Harzgerode wurde im Juli 1950 fertiggestellt. Weitere Betrachtungen über diese schwere Zeit sollen hier nicht gemacht werden, das könnte ein nächstes Thema werden. Den benötigten Fahrzeugpark stellte in erster Linie die NWE zur Verfügung, der Triebwagen war zunächst das einzige Fahrzeug zur Personenbeförderung. Damals hatte ich folgendes, sehr persönliches Erlebnis: Die Wiederaufnahme des Personenverkehrs im Sommer 1950 erlebte ich als Schüler der 1. Klasse am Ende des Schuljahres, welches mit einem Wandertag endete und uns nach Alexisbad führte. Die Strecke zurück nach Harzgerode fuhren wir mit dem Triebwagen, wo wir wohlbehalten ankamen und alle den Heimweg antraten. Mir hatte die Fahrt wohl so gut gefallen, dass ich wieder einstieg und noch einmal ohne Lehrer bis Alexisbad und wieder zurück nach Harzgerode fuhr. Es hat mich auch keiner daran gehindert, man pendelte am Eröffnungstag mehrmals zwischen Alexisbad und Harzgerode.
Die Wiederaufnahme des Fahrverkehrs lag zeitlich fast unmittelbar zusammen mit der Zuordnung der Privatbahnunternehmen zur Deutschen Reichsbahn (DR), gemäß Zentralverordnungsblatt Teil I Nr. 23 vom 9. März 1949, wirksam ab 1. April 1949. Im Laufe der Jahre normalisierte sich dann langsam der Zugverkehr, von der Harzquerbahn setzte man nach Lieferung der 1E1-Neubauloks die Mallet-Maschinen (99 5901-6) und die NWE 21 (99 6001) nach Gernrode um, der Triebwagen (nunmehr unter der Bezeichnung VT 133 522, ab 1970 187 001) wurde 1956 aus dem Plandienst genommen.
1963 wurde er als Bahndienstwagen umgerüstet, dabei wurden die Sitzbänke entfernt, die Fenster im Mittelteil vergittert und Platz geschaffen für Werkzeuge und Material. 1978 wurde er schließlich abgestellt und fristete sein Dasein im Triebwagenschuppen in Gernrode.
Nach langer Zeit des Stehens entschloss man sich schließlich zur bedingten Wiederinbetriebnahme für den Sonderzugdienst, es erfolgte der Abtransport in das Bahnbetriebswerk (Bw) Haldensleben. Leider ist mir der genaue Zeitpunkt nicht bekannt. Es entstanden viele Gerüchte über seinen Verbleib, er wurde allerdings zum 100jährigen Jubiläum der Selketalbahn am 7. August 1987 zurück erwartet. Das geschah leider nicht, was den damaligen Chef des Bahnhofes Gernrode sehr enttäuschte. So kam es zu einer sehr bewegenden Begegnung mit einem Modellbauer aus Bad Hersfeld, der den T1 in Gartenbahngröße nachgebaut und zum Jubiläum mitgebracht hatte, als er ihn in Straßberg auf seinem Autodach präsentierte. Die Freude war so groß, dass dem Gernröder Eisenbahner fast die Tränen in den Augen standen.



Foto oben (Sammlung Prochnau): Der Innenraum des GHE T 1 als Gerätewagen.
Foto unten (Sammlung Frenzel): Auch bei Gleisbauarbeiten wurde der Triebwagen eingesetzt, hier in Silberhütte.









Foto (Sammlung Frenzel): Herr Eisenhuth aus Bad Hersfeld mit seinem Triebwagen-Modell anlässlich der Feier "100 Jahre Selketalbahn" in Straßberg , 09.08.1987.


Es dauerte noch einige Zeit (22.09.1989), bis dann endlich der Triebwagen in neuer Farbgebung und mit neuen, roten Ledersitzen und beigefarbene Vorhängen ausgestattet, wieder auf seiner Stamm-strecke auftauchte. Die Freude war groß, aber nicht von langer Dauer, denn seine erste Probefahrt führte zu einem schweren Motorschaden. In der Nähe von Sternhaus-Haferfeld, am km 4,5, riss ein Pleuel ab und beendete abrupt die Weiterfahrt. Somit war der Abnahmetermin 04.10.1989 geplatzt, es erfolgte der Rücktransport nach Haldensleben, wo schließlich ein Motorwechsel vorgenommen wurde.
Da die Instandsetzungsarbeiten offensichtlich nicht planmäßig, sondern nebenbei getätigt und improvisiert wurden, war auch hier keine konkrete Terminisierung für die Fertigstellung möglich. Der T 1 kam allerdings schon nach kurzer Zeit, am 15.12.1989, zunächst nach Wernigerode, wo er seine Probefahrt diesmal anstandslos absolvierte, und so konnte der T 1 schließlich am 23.12.1989 ohne Probleme mit eigener Kraft nach Gernrode überführt werden. Allerdings - für den täglichen Planeinsatz war er nicht mehr vorgesehen, er kam seitdem für Sonderfahrten in breiter Vielfalt zum Einsatz und hat schon vielen Fahrgästen Spaß und Freude bereitet und einen Einblick in die Nostalgie der Schmalspurbahn vermittelt.
Von 2008 bis 2010 erfolgte eine grundlegende Aufarbeitung im Dampflokwerk Meiningen, am 08.10.2010 kehrte der T 1 dann zurück nach Wernigerode. In der Werkstatt der HSB erfolgen derzeit noch weitere Arbeiten - z.B. der Einbau einer Sifa (Sicherheits-Fahrschaltung).
Der Innenraum wurde weitgehend in den Ursprungszustand zurück versetzt. Die Sitze sind nun mit lindgrünem Samt gepolstert, viele Teile der hölzernen Innenverkleidung wurden erneuert. Die Außenlackierung entspricht nun dem Zustand der 1950er Jahre, ebenso die Beschriftung als VT 133 522.
Voraussichtlich ab Frühjahr 2011 steht der nunmehr 77 Jahre alte Triebwagen wieder für Sonderfahrten zur Verfügung - wünschen wir ihm "Allzeit gute Fahrt" und viele begeisterte Fahrgäste!



Foto oben (Sammlung Frenzel): Alte und neue Technik vereint - der GHE T 1, Baujahr 1933, neben einem der Neubautriebwagen aus Halberstadt, Baujahr 1999, am 18.06.1999 in Gernrode.
Foto unten (Holger Prochnau): Eines der beiden Bedienpulte der GHE T 1 - der Begriff "Führerstand" gilt hier im Wortsinne!








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